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Filmfestival in Locarno Festival der Extreme

In seinem letzten Jahr als Festivalchef von Locarno präsentiert der künftige Berlinale-Direktor Carlo Chatrian ein spannendes, aber auch durchwachsenes Programm.

71. Internationales Filmfestival Locarno
Regisseur Yeo Siew Hua und seine Schauspielerin Luna Kwok mit der Trophäe für den Film „A Land Imagined“. Foto: dpa

Es war dann doch nicht alles Gold, was glänzte bei dieser sonnigen Ausgabe des Locarno-Festivals und am Samstagabend bei der Preisverleihung auf der Piazza Grande. Unter der Leitung des chinesischen Jury-Präsidenten Jia Zhang-ke ging der Goldene Leopard an einen jungen Regisseur aus Singapur: Yeo Siew Hua führt in „A Land Imagined“ auf eine Baustelle zur Landgewinnung in seinem Heimatland. Sein tragendes Bild hat der Film bereits im Titel: Was ist das für ein imaginäres Land, das sich da aus Sandlieferungen aus Nachbarländern wie Malaysia zusammensetzt, unter dem ausbeuterischen Einsatz geknechteter Gastarbeiter? Einer dieser Arbeiter verschwindet von der Baustelle in die Welt eines Internetcafés, wo er – aus Gründen, die wir nicht verstehen – die Aufmerksamkeit einer rätselhaften Schönen auf sich zieht, die dort die Aufsicht hat.

Der interessante Teil des Films um die gespenstischen Arbeitsbedingungen auf der Großbaustelle wird schnell vergessen. Was den Filmemacher mehr fasziniert, ist ein Pastiche aus Versatzstücken des Autorenfilms: Die Neonästhetik Wong Kar-wais liegt über den Szenen im Internetcafé wie ein unerreichtes Vorbild, die spiegelnden Schnittstellen zur Rotlichtwelt erinnern dagegen an Wim Wenders’ „Paris, Texas“. Und die Männerphantasie vom unscheinbaren Mann und der mysteriösen Schönheit reicht zurück in den amerikanischen film noir und erlebt derzeit eine Konjunktur in Pseudo-Sozialdramen, die das Festivalkino aus vielen Ländern bestimmen.

Soziale Themen und realistische Inszenierungen haben traditionell einen hohen Stellenwert in Locarno: Erst im letzten Jahr gewann der Chinese Wang Bing mit seinem Dokumentarfilm über das Sterben einer demenzkranken Bäuerin, „Mrs. Fang“. Was ist aus diesem eindrucksvollen Film, übrigens einer deutschen Co-Produktion, geworden? Ins Kino kam er bei uns nicht, Arte zeigte ihn im Nachtprogramm.

Pool für Entdeckungen

Das ungewisse Schicksal solcher Preziosen macht die Rolle eines Festivalkurators nicht einfacher: Mehr als viele andere Festivals gilt Locarno als Pool für Entdeckungen, doch es sind weniger die Filmverleiher, die hier fündig werden, als die Programmierer der vielen kleineren Filmfestivals, die überall auf der Welt existieren. Das Festivalkino ist zu einer eigenen Spielart des Kinos außerhalb des regulären Filmbetriebs geworden. Auf Festivals leben diese Werke von der Neugier eines Publikums, das auch Enttäuschungen gegenüber großzügiger ist. Doch auch dieser Vertrauensvorschuss stößt an Grenzen.

Eine der größten Enttäuschungen in diesem Wettbewerb war ein deutscher Beitrag. Für „Wintermärchen“ ließ sich Jan Bonny von der Mordserie des NSU inspirieren. Hier heißt das rechtsradikale Trio Becky, Tommi und Maik. Doch weniger ihre nur in Parolen ausgedrückte Ideologie als sexuelle Frustration motiviert die sadistische Mordlust.

Die Inszenierung verbindet Handkamera-Realismus mit dem Pseudo-Expressionismus eines Regietheaters, bei dem fast jeder Satz geschrien wird. Dieses manierierte Fortissimo kann Bonny, nachdem er in den ersten Szenen damit anfängt, nicht mehr variieren. Er hat ein Faible für alles Schamlose einer solchen Konstellation: Die manipulative, sexbesessene Becky spielt beide Männer gegeneinander aus, einer von ihnen verdrängt dabei seine latente Homosexualität. Zwischendurch werden rassistische Witze gerissen und Unschuldige ermordet. Der inflationäre Umgang mit rassistischer Wortwahl weckt die Frage, ob man sich einmal Gedanken darüber gemacht hat, wie Zuschauer, die diesen diskriminierten Minderheiten angehören, auf diesen Film reagieren. Wie würden gar die Angehörigen der NSU-Opfer damit umgehen?

Luc Bonny ist bekannt für die experimentellere Seite des Serienfernsehens („Tatort – Borowski und das Fest des Nordens“, „Über Barbarossaplatz“). Auch bei diesem Kinofilm versucht er eine Genre-Dramaturgie gleichermaßen zu bedienen wie zu konterkarieren, doch was dabei auf der Strecke bleibt, ist jeder Respekt vor der Tragweite dieser historischen Tragödie. Die Verbrechen des NSU werden zum beliebigen Anlass für ein empathiefreies Kino, das nicht zu differenzieren weiß zwischen Banalität und Tragik.

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