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Filmfestival Cannes Die Erhabenheitsmaschine

In Cannes endet die Uraufführung von Terence Malicks heillos überladenem Bekenntnis zur Lebensfreude "The Tree of Life" in einem Buhkonzert. Triumphe feiern dagegen Kim Ki-Duk und die Brüder Dardenne.

Brad Pitt spielt in Terence Malicks Drama „The Tree of Life“ den strengen?Vater – dabei hat er nicht viel zu sagen, muss aber streng gucken. Foto: dpa

Kein Regisseur des Weltkinos ist mit so wenigen Filmen so berühmt geworden wie der 67-jährige Amerikaner Terence Malick. Der ehemalige Hilfsarbeiter auf einem texanischen Bauernhof schaffte es nach Harvard und Oxford, bevor er 1962 in Los Angeles zu den ersten Filmstudenten zählte. Nach seinem gefeierten Debütfilm „Badlands“ gewann er mit der zweiten Arbeit, „In der Glut des Südens“, 1978 einen Regiepreis in Cannes – nur um kurz darauf mit dem Vorschuss für den dritten Film für fast zwei Jahrzehnte unterzutauchen.

Ob es an den immensen Dimensionen des Projektes gelegen hatte, einem Drama aus dem Ersten Weltkrieg mit einem Prolog zur Schöpfungsgeschichte? Und dann, 1998, kam der unerwartete Triumph: Mit seinem Comeback, dem lyrischen Kriegsfilm „Der schmale Grat“, gewann der öffentlichkeitsscheue Regisseur die Berlinale.

Terence Malicks Cannes-Beitrag „The Tree of Life“ ist nach „The New World“ erst sein fünfter Film. Und er ist der erste, dessen Uraufführung am Montag in einem Buhkonzert endete. Kein Film war an der Croisette mit größerer Spannung erwartet worden als die in den 1950er Jahren angesiedelte Familiengeschichte mit Brad Pitt und Sean Penn, deren Dreharbeiten bereits 2008 beendet worden waren. Bereits letztes Jahr hatte sie in Cannes zum Aufgebot gehört, bis sie der Regisseur dann doch für unfertig erklärte. Die 140 Minuten aber, die jetzt durch den Projektor liefen, erscheinen auf tragische Weise überfertig: Sie erinnern mitunter gar an jenes „unbekannte Meisterwerk“ in Balzacs Erzählung, an dem ein Maler so lange gepinselt, bis außer Farbe nichts mehr zu erkennen ist.

In einer spektakulären Ellipse seiner Karriere hat Malick nun doch noch seine Schöpfungsgeschichte gedreht. Nur wirkt sie nun, da sie nicht mehr ein Schlachtengemälde rahmt, sondern nur ein winziges Genrebild um eine trauernde Mutter, die einen Sohn im Krieg verliert, grotesk überproportioniert.

Es dauert eine Dreiviertelstunde, bis die endlosen, mit klassischer Musik unterlegten Weltraum- und Wolkenpanoramen vorrübergehend innehalten. Bis Wasserfälle und Lavamassen den Blick freigeben auf ein scheinbares Familienidyll, das bald seine Sprünge zeigt: Drei Söhne erfreuen sich der Liebe einer warmherzigen Mutter (Jessica Chastain), nur der herrische Vater ist ein Problem: Brad Pitt spielt den kirchentreuen und musikliebenden Pedanten so gut es geht als Spiegelbild jenes Geistlichen, gegen den er als Jungspund aufbegehrte in Robert Redfords „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ – dem Film der ihm den Durchbruch verschaffte. Da ihm Malick nur wenige Dialogzeilen schrieb, muss Pitt die meiste Zeit mit einer verbissen hochgezogene Unterlippe auskommen. Später bei der Pressekonferenz – Malick ist ihr wie erwartet im letzten Moment ferngeblieben – soll er die Erziehung der eigenen Kinder kommentieren: „Regelmäßige Prügel wirken da Wunder“, scherzt er. „Und die Mahlzeiten weglassen hilft.“

Pitts Filmkinder lässt Malick paradiesisch über Wiesen tollen, zu Charakteren werden sie dabei nicht. So kommt es, dass sich auch der Weltschmerz von Mutter und Bruder (Sean Penn) nach dem Tod des 19-Jährigen nicht vermittelt, obwohl Malick dazu in monumentalen Schnittfolgen alle erdenklichen Naturschönheiten aufbietet, unterlegt mit Smetanas „Moldau“ und den Klangschalen-Kompositionen des deutschen Minimalisten Klaus Wiese.

Malicks Erhabenheitsmaschine kennt alles – außer Stockhausen. Im tragisch scheiternden Versuch, den Prolog von Kubricks „2001“ an Bildgewalt zu übertreffen, ersetzt er buchstäblich Affen durch Dinosaurier („Wir haben schon darüber gesprochen, ob sie nötig sind“, erklärte in Cannes schicksalsergeben einer seiner Produzenten).

Aber Schaffenskrisen sind keine Schande, und manchmal lassen sie sich sogar in künstlerische Triumphe ummünzen. Auch der Koreaner Kim Ki-Duk meldete sich zurück von einer längeren Auszeit aus dem Filmkunst-Zirkus – aber nicht, weil er wie Malick ein Multimillionen-Budget hätte durchbringen müssen, sondern weil ihn eine schwere Depression befallen hatte. „Arirang“ ist das schonungslose Dokument dieser Verzweiflung, aufgenommen in völliger Einsamkeit. Vor der selbstgeführten Videokamera schreit sich der Regisseur hundert Minuten lang seine Wut vom Leib, beschimpft das eigene Werk wie das Publikum. Doch anstatt es ihm zu verübeln, jubelten die Zuschauer nach der Vorstellung in der Nebenreihe „Un Certain Regard“ im Stehen. Denn bei aller Rohheit ist „Arirang“ das ehrlichste Selbstporträt, das wir von einem großen Filmemacher kennen. Auch wenn er sich dazu nicht mehr fähig fühlt: Kim Ki-Duk ist auch im Moment der Lethargie noch zu sehr ein Künstler, um etwas Kunstloses zu produzieren. Seine Bilder haben das, was den meisten anderen in Cannes bisher fehlte: eine innere Notwendigkeit, einen sichtbaren Grund, das es sie gibt.

Endlich ein Stilwunder: der neue Film von Jean-Pierre und Luc Dardenne

Eine der wenigen Ausnahmen: das neue Werk der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne. Ihr Drama „Le Gamin au Vélo“ schließt sich thematisch und stilistisch an ihren vielleicht schönsten Film an, „Das Kind“, den Cannes-Gewinnerfilm von 2005. Die Geschichte eines elfjährigen Heimkinds, das nicht glauben kann, dass sein Vater nichts mehr von ihm wissen will, besitzt die Wahrheit und emotionale Kraft von Truffauts Klassiker „Sie küssten und sie schlugen ihn“. Das Wunder dieses einfachen Filmstils, der dennoch das Produkt endloser Fleißarbeit ist, entfaltet sich von den ersten Szenen des Ausbruchs und der verzweifelten Suche nach dem Vater.

Mit der unverhofften Zuwendung einer liebevollen Friseurin eröffnet sich für den Jungen ein hoffnungsvoller zweiter Akt bis das Kind von einem falschen Freund zu einer Gewalttat verleitet wird. „The Kid with a Bike“ erinnert nicht nur in den ersten Worten des Titels an Chaplins Grundstein des modernen Kinderfilms, „The Kid“. Die Brüder Dardenne machen wie er die Realität zum Abenteuer. Und wie Chaplin sind sie außerstande, eine Art von Kunst zu produzieren, die nicht wahrhaftig wäre. Oder eine Realität abzubilden, die komplett wäre ohne künstlerische Formgebung.

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