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Filmdrama "Altiplano" Kritisches Kunstgewerbe

Die Welt mit Bildern verbessern? Der Film "Altiplano" über die Folgen der Globalisierung versucht es mit Pathos. Von Daniel Kothenschulte

Religiöse Bilderverehrung in den Anden. Foto: Farbfilm Verleih

Ich werde nicht langsam an eurem Gift sterben", sagt die junge Frau, deren Dorf in den peruanischen Anden mit Quecksilber kontaminiert wurde. So hält sie sich die tödliche Dosis in ihrer Verzweiflung selbst an die Lippen, während eine Videokamera ihre letzten Worte dokumentiert. "Ohne Bilder", sagt sie dem Mikrofon, "gibt es keine Geschichte." Und: "Unsere Mutter Erde wird eure Habgier niemals verzeihen."

Was hat beides miteinander zu tun? Der Raubbau einer globalisierten Wirtschaft mit der Macht der Bilder, die eine einfache Bäuerin dazu bringt, erstmals in ihrem Leben eine Kamera zu benutzen, damit sie aufnimmt, wie sie stirbt? Kann sie wirklich hoffen, dass die Existenz eines solchen Dokuments das Unrecht beendet?

"Altiplano" ist nicht das erste Filmdrama über die Folgen der Globalisierung, das versucht, Gegensätzliches zusammenzufügen. Es ist eine gängige Formel im gegenwärtigen Festivalkino, Geschichten aus verschiedenen Kontinenten und Sinnzusammenhängen in Parallelen zu setzen. Am Ende sollen sie sich dann an einem sinnfälligen Augenblick treffen. Mit dem dänisch-schwedischen Drama "Mammut" ist gerade erst ein wenig glückliches Beispiel dieses Kinos bei uns angenommen.

Der nach "Khadak" zweite Film des niederländisch-amerikanischen Regie-Duos Peter Brosens und Jessica Woodworth, besteht nur aus zwei Geschichten. Das ist zwar weit weniger als die Norm in diesem Genre. Dafür aber haben sie auch besonders wenig miteinander zu tun, und man muss schon sehr weit ausholen, um sie miteinander zu verzahnen. "Altiplano" ist ein hoch stilisierter, ja pathetischer Film über die Rolle der Fotografie als Instrument politischer Aufklärung. Jedes Bild zeugt von einem besonderen Formwillen. Gerade so als hätte man die schwarz-weißen Reportagebilder des Brasilianers Sebastião Salgado noch einmal in Farbe nachstellen wollen.

In der ersten Szene stirbt ein Bild: Als bei einer Prozession die Marienstatue im Andendorf zerstört wird, sind die Heiratspläne der jungen Frau durchkreuzt. Erst nachdem ein blinder Bildhauer die Figur wieder gekittet hat, wäre das noch möglich, doch da wird ihr Bräutigam schon ein Opfer der Quecksilberverseuchung geworden sein.

Jasmin Tabatabai spielt eine Kriegsfotografin

In der zweiten Szene stirbt ein Mensch, während gerade ein Bild von ihm gemacht wird. Jasmin Tabatabai spielt eine Kriegsfotografin im Irak. Als ihr Begleiter von Islamisten erschossen wird, macht sie davon ein Foto. Man lässt sie leben, damit das Bild um die Welt gehen kann. Erst als es in den USA für den Pulitzerpreis nominiert wird, geht sie auf Distanz zu ihrem Werk. Sie zieht das Bild zurück und beendet ihre Karriere. Dann reist sie in das Andendorf: Ihr Mann, der dort als Arzt gearbeitet hat, ist ums Leben gekommen. Der Volkszorn der Quecksilberopfer rächt sich an den Europäern. Dennoch will die Fotografin nun mit ihnen kämpfen.

Das Problem von "Altiplano" ist nicht allein, mit welcher Unbefangenheit er zwischen den Tragödien der Gegenwart mäandert, ganz gleich, ob ihr Ursprung nun islamischer Terror ist oder eine ausbeuterische Industrie. Es ist die Aufdringlichkeit einer egalisierenden Ästhetik, für die peruanische Statisten nicht mehr sind als eine indifferente, aber dekorative Masse. Einmal prozessieren die Trauernden mit Fotos ihrer Toten, vergrößert und gerahmt wie in einer Kunstinstallation Christian Boltanskis.

Völlig unausgegoren ist schließlich die aufgesetzte religiöse Perspektive: "Wenn das Bild wiederhergestellt ist, kommt auch die Hoffnung für die Menschen zurück", weiß der Bildhauer, der das Marienbildnis restauriert. Diese christliche "Ikone" steht in der Gleichung auf der positiven Seite, der propagandistische Missbrauch der Fotografie durch die islamischen Terroristen auf der anderen. Kein Wunder, dass die Skulptur schließlich das Antlitz der Toten trägt. Und als goldene Mitte zwischen diesen Bildwelten steht schließlich der naive Glaube an ihre politisch aufklärerische Funktion, den die gelernten Dokumentarfilmer in einer fast altmodischen Naivität hochhalten.

Doch als wäre die Symbolik ihres Films nicht schon aufdringlich genug, wird sie auch noch wortreich bekräftigt. "Ich bin blind, dafür kann ich sehen, was dir verborgen ist", belehrt der Bildhauer die Fotografin. "An der Oberfläche zeigt sich, wie´s innen aussieht." Nur gut, dass es wenigstens eine Behinderung gibt, die sich durch übernatürliche Fähigkeiten wieder ausgleicht. Wäre dieser Film ein Hörspiel, den Preis der Kriegsblinden gäbe es jedenfalls nicht dafür.

Altiplano, Regie: Peter Brosens, Jessica Woodworth, B/D/NL 2009, 109 Minuten.

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