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Film "The Riot Club" Spaß ohne Grenzen, Hass ohne Grenzen

Vandalismus, Gewalt? Alles ist erlaubt. Geht etwas schief, werden es der Anwalt oder das Scheckbuch schon richten. Ein bitterböses Drama über eine elitäre, einmal im Jahr ausflippende Studentenverbindung in Oxford: „The Riot Club“ von Lone Scherfig.

09.10.2014 15:54
Kerstin Krupp
"Riot Club": Einmal im Jahr tut man die Füße auf den Tisch - und einiges Ungezogenes mehr. Foto: dpa

Dieser Film ist eine bitterböse Abrechnung mit der britischen Klassengesellschaft. Junge Männer aus privilegierten, meist adeligen Elternhäusern, Studenten in Oxford, kommen in einem exklusiven, auf zehn Mitglieder beschränkten Dinner-Club zusammen. Ihr erklärtes Ziel ist es, während der alljährlichen Tischgesellschaft in einem möglichst abgelegenen Pub bis zum Erbrechen zu saufen, zu fressen, und sich jedem Impuls exzessiv hinzugeben. Einmal die Fesseln der elitären Erziehung abwerfen – ohne sich gemein zu machen mit dem „Plebs“. Vandalismus, Gewalt? Alles ist erlaubt. Geht etwas schief, werden es der Anwalt oder das Scheckbuch schon richten. Eine eigene Klasse der Unberührbaren. Klingt übertrieben? Ist es nicht.

Wie sehr dieses Thema ins Herz der britischen Gesellschaft trifft, zeigte schon im Jahr 2010 der Aufruhr um das Theaterstück „Posh“ (Vornehm) der Autorin Laura Wade, auf dem nun der Spielfilm „The Riot Club“ von Lone Scherfig basiert. Parallelen zum real existierenden Bullingdon Club, dem Premierminister David Cameron, Schatzkanzler George Osborne oder Londons Bürgermeister Boris Johnson angehörten, waren offensichtlich. Und auch „The Riot Club“ erhitzt die Gemüter der konservativen Torys, denen obengenannte Bullingdon-Mitglieder angehören, unterstellt er doch eine Konspiration über Oxford hinaus bis ins Establishment von Westminster.

Für Frauen sonst verschlossen

Regisseurin Lone Scherfig, Expertin für das britische Seelenleben, hat sich des Stoffs angenommen und ihn mit Laura Wade fürs Kino bearbeitet und erweitert. Die dänische Filmemacherin, deren Durchbruch mit der Dogma-Komödie „Italienisch für Anfänger“ (2000) gelang, hat sich zuletzt mit der Verfilmung britischer Literatur-Bestseller einen Namen gemacht. Etwa mit „An Education“ (2008), den Jugenderinnerungen der Journalistin Lynn Barber aus dem Großbritannien der sechziger Jahre – der Film wurde für den Oscar nominiert. Oder mit der Kinoadaption des Romans „Zwei an einem Tag“ (2011) von David Nicholls.

Mit viel Neugier taucht Scherfig in die altehrwürdige Welt von Oxford ein und schaut hinter Türen, die normalerweise verschlossen bleiben – vor allem Frauen. Meterhohe holzgetäfelte Wände, geschmückt mit Ölgemälden von Absolventen, zu ihren Füßen die Studenten an langen Speisetafeln, das bildet die seit Jahrhunderten unveränderte Kulisse in Oxford. Ein pittoreskes Setting, fast wie in Harry Potters Zauberschule Hogwarts. Nur ist dies hier kein Fantasy-Märchen. Wer es bis hierher geschafft hat, dem stehen im Leben alle Türen offen.

Der Studienanfänger Miles (Max Irons) kann daher sein Glück kaum fassen. Zudem ist der attraktive junge Mann frisch verliebt in die geradlinige Lauren (Holliday Granger), die es ungeachtet ihres bescheidenen Elternhauses an die Elite-Universität geschafft hat. Lauren verkörpert ein modernes Oxford, das Gegenstück zum elitären Ungetüm.

Er fühlt sich geschmeichelt

Und noch jemand hat ein Auge auf Miles geworfen: Hugo (Sam Reid), der Limericks auf Latein dichtet, und als ewiger Student schon fast zum Inventar von Oxford zählt. Er ist Mitglied des Riot Clubs, der gerade zwei neue Mitglieder sucht. Denn nur mit der vollen Zahl von zehn Geheimbündlern kann die alljährliche Tischgesellschaft steigen. Miles fühlt sich geschmeichelt, als er ausgewählt wird – trotz der rauen Aufnahmerituale, die seine Freundin Lauren nur kühl kommentiert: „Das sind nicht deine Freunde. Freunde tun so etwas nicht.“ Alistair (Sam Claflin) ist der zweite Erwählte; sein Bruder war einst Präsident des Riot Clubs – „eine Legende“, wie die anderen zu betonen nicht müde werden.

Der Zuschauer empfindet zunächst Sympathie für die wilde Bande. Was auch daran liegt, dass sich Lone Scherfig jedem Einzelnen mit viel Einfühlungsvermögen zuwendet. Die jungen Männer sind gebildet, redegewandt, charmant und witzig. Bei allen Gemeinsamkeiten kristallisieren sich indes bald Eigenheiten heraus, die in der Distinktionswelt des Clubs eine Rolle spielen. Dimitri etwa, Sohn neureicher griechischer Einwanderer, gibt sich britischer als alle anderen und muss sich dennoch rassistische Witze anhören. Der schöne Harry hingegen ist dank hochadeliger Herkunft zweifelsfrei etabliert.

Das anfängliche Wohlwollen des Zuschauers schwindet schnell angesichts der Tischgesellschaft, wo mit steigendem Alkoholpegel Arroganz und Unterschicht-Ekel hervorbrechen. „Wir machen keine Fehler“, sagt einer. Natürlich stimmt das nicht. Diese jungen Männer verfügen nur über die Mittel, sie ungeschehen machen. Ein Freischein für unsoziales Verhalten, das im weiteren Verlauf bedrohliche Formen annimmt. Man ahnt Grauenvolles. Wen es auf welche Weise trifft – das lässt Scherfig lange im Ungewissen.

The Riot Club. GB 2014. Regie: Lone Scherfig. 107 Minuten.

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