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Film "Schnee von gestern" Suchen ist Denken

Die Israelin Yael Reuveny ist mit „Schnee von gestern“ ihrer Vergangenheit und der Familie auf der Spur. Ein bedächtiger Dokumentarfilm, der sich die nötige Zeit nimmt, um die Nichtgeschichte auseinanderzunehmen und ihre Auswirkungen aufzuspüren.

10.04.2014 16:17
Ulrich Seidler
Yael Reuveny in Schlieben am Grab ihres Großonkels. Foto: Film Kino Text

Es war einmal eine Geschichte, die nicht geschah. Sie handelt von einem Bruder und einer Schwester und spielte an einem Bahnhof. Bruder und Schwester sind inzwischen tot, und der Bahnhof wird abgerissen. Die Geschichte aber lebt im Schmerz derer weiter, die sie erzählen und erzählt bekommen. Sie geht so: Die Geschwister Michla und Feiv’ke Schwarz aus Vilnius verlieren ihre gesamte Familie in der Shoa. Kurz nach dem Krieg erfahren sie voneinander, dass sie überlebt haben und sich in Lodz aufhalten. Über einen Dritten vereinbaren sie ein Treffen am Bahnhof – und verpassen sich. Sie werden einander bis zu ihrem Tod nie wieder sehen.

Feiv’ke sei einem Brandanschlag von polnischen Nazis zum Opfer gefallen, erzählte Michla, die ein neues Leben in Israel begonnen hat, ihrer Enkelin. Das stimmt aber nicht. Feiv’ke hat ebenfalls ein neues Leben begonnen, in Schlieben, Brandenburg. Ausgerechnet dort, wo er im KZ gesessen hat, heiratete er, benannte sich in Peter um, übernahm einen leitenden Posten bei der Handelsorganisation, war schon 1947 Mitglied im örtlichen Fußballverein, zeugte zwei Kinder, bevor er 1987 starb. Als Michla 1995 in Israel durch einen Brief von ihrem in Cottbus lebenden Neffen erfuhr, dass ihr Bruder in Deutschland gelebt und eine „gojische“, nichtjüdische Deutsche geheiratet hat, wollte sie nichts mehr von ihm wissen. Sie schwieg dazu, bis sie 2001 starb.

Michlas Enkelin, Yael Reuveny, beendete ihre Ausbildung an der Sam-Spiegel-Filmschule in Jerusalem und ging 2005 nach Berlin. Schon ihr erster Dokumentarfilm „Erzählungen vom Verlorenen“ kreist um die Suche nach dem Bruder ihrer Großmutter. Beides – dass Yael in dem verfluchten Land lebt und in der verfluchten Vergangenheit herumsucht – hätte sie ihrer Großmutter zu Lebzeiten wohl nicht zugemutet. Aber seit sie in Deutschland lebt und sich mit der Vergangenheit beschäftigt, erzählt die Enkelin, sind die Albträume vom Holocaust verschwunden.

Nun gibt es mit „Schnee von gestern“ einen bedächtigen Dokumentarfilm, der sich die nötige Zeit nimmt, um die eingangs erwähnte Nichtgeschichte auseinanderzunehmen und ihre Auswirkungen aufzuspüren. Zu sehen ist Yael Reuveny, die zugleich intensive und vorsichtige Gespräche mit ihrer zugewandten Mutter führt. Reuveny reist zu den Orten der Geschichte, nach Lodz, nach Schlieben, nach Cottbus, wohin es die Verwandtschaft verschlagen hat. Fremd, fast schon bizarr ist diese Kleinstadt-Welt aus der Perspektive der Filmemacherin. Die Begegnungen mit ihren Verwandten und mit den Bekannten ihres Vaters sind satt von gutwilligem Missverstehen. Nicht nur die Anwesenheit der Kamera, auch die Verständigungsschwierigkeiten sorgen für gedankliche Konzentration und Entschleunigung, die dem Film gut tun. So eine Frage wie: „Sind wir eine Familie?“ – die muss erst einmal verstanden werden.

Alle Beteiligten gehen mit leichtem Misstrauen an die Vokabeln und ihre Bedeutungen heran, weil nicht ganz klar ist, ob sie wohl in der jeweils anderen Sprache dasselbe meinen. Und dieses Misstrauen überträgt sich auch auf die eigene Sprache, also auf das eigene Denken. Was soll das überhaupt bedeuten: Familie? Blutsverwandtschaft? Ein geteiltes Leben? Verpflichtung? Sympathie? Es zeigt sich, dass der Zweifel ein schöpferisches Moment bei der Suche nach der Vergangenheit ist. Wobei das Bild, das das Hinterfragen des Erzählten und Verschwiegenen hervorbringt, immer komplexer, also auch reicher an Rätseln wird.

So lässt der Film zum Beispiel offen, ob die Großmutter an den Feuertod ihres Bruders geglaubt hat oder ob Peter vielleicht aus kommunistischen Überzeugungen das DDR-Leben führte. Der Film findet keine befriedigende Antwort auf die Frage, warum der Bruder sich von der Schwester und damit von seinem bisherigen Leben gelöst hat.

Aber es scheinen Ahnungen auf. Ahnungen, über die Yael Reuveny sich selbst mit den in diesem Fall so brutal abgerissenen Teilen ihrer Vergangenheit in Verbindung bringen kann. Ahnungen und Fragen sind vielleicht die besseren Methoden, um die Mythen der Erinnerung zu konstruieren, mit denen sich dann wieder die Kinder und Enkel auseinandersetzen werden. Ahnungen und Fragen sind weicher, aber sie halten auf Dauer besser Stand als Tabus und Antworten.

Schnee von gestern. Regie: Yael Reuveny. D/Israel 2013. 96 Min. 

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