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Film-Festival Cannes feiert Don-Quijote-Film

Terry Gilliam findet seinen heiligen Gral. Derweil sieht Cannes einer ungewissen Preisverleihung entgegen.

Cannes
Terry Gilliam dreht einen Film im Film. Foto: Cannes Filmfestival

Terry Gilliams Don-Quijote-Film war nun 25 Jahre in Produktion, da kann er auch gleich mit der Windmühlenszene anfangen. Doch der fulminante Auftakt ist nur ein Film im Film, und nicht einmal ein Rest der berühmtesten Leinwandruine, die uns die Popkultur des späten 20. Jahrhunderts hinterlassen hat. Adam Driver, der als gescheiterter Filmemacher Toby die eigentliche Hauptrolle spielt, beendet hier einen Werbedreh für eine Versicherung. Doch als ihm wenig später ein fliegender Händler eine Raubkopie einer vergessenen Cervantes-Verfilmung offeriert – es ist sein eigener Studentenfilm von vor zehn Jahren – flüchtet er von seinem Set und macht sich auf in die staubigen Hügel von La Mancha. In wenigen Augenblicken ist er wieder da, wo alles anfing, wo vielleicht auch Gilliams Film begann, den wir nie gesehen haben. Dort, wo alle frühen Künstlerträume begraben sind, wo Don Quijote getötet wurde. 

Dies ist nur die sentimentale Klammer für den furiosesten und lustigsten Abschlussfilm, den ein Festival sich wünschen kann, Terry Gilliams „The Man Who Killed Don Quixotte“. In Jonathan Pryce hat er nach dem Tod von Jean Rochefort vermutlich sogar seinen besseren Quijote-Darsteller gefunden. Adam Drivers Toby entdeckt den wunderlichen Alten, seinen ehemaligen Hauptdarsteller, in einer Schaubude, vielleicht geistig umnachtet, aber auf die herrlichste Weise wunderlich. Er ist der einzig wahre Don Quijote. Gilliam, das visionärste und kreativste Mitglied der Monty-Python-Truppe, hat seinen heiligen Gral gefunden. Gegenwart und mythische Vergangenheit verbinden sich ohne karnevaleske Maskerade, leichtfüßig und hinreißend schamlos. Moderne Inquisitoren begegnen uns auf der Suche nach falschen Terroristen, die doch nur verschleierte Frauen mit Bärten sind. Don Quijote will sie befreien, aber er hat auch schon eine Schafherde für betende Gläubige gehalten. 

Welche Aufregung war diesem Festival vorausgegangen, als es bekannt gab, die Wettbewerbsfilme erst im Augenblick ihrer Galapremiere auch der Presse zu zeigen. Immerhin konnte man den Abschlussfilm, da außer Konkurrenz, rechtzeitig sehen. Niemand klagt inzwischen noch darüber, doch auch der „magische Effekt“ stellt sich nicht ein, den sich die Leitung wünschte. Welcher Wettbewerbsfilm im Programm wäre schon mit derartiger Spannung erwartet worden, dass seine Enthüllung einer weihnachtlichen Bescherung gliche? 

Auf keinem großen Festival reagieren Kritik und Publikum normalerweise mit so großer Leidenschaft wie in Cannes, wo wie in der Oper lauthals „Bravo!“ oder „Buh“ gerufen wird. In diesem Jahr hörte man beides eher selten. Selbst beim umstrittensten Beitrag, Lars von Triers außer Konkurrenz gezeigtem „The House that Jack Built“ mit seinen Lobpreisungen der Nazikunst blieb das große Donnerwetter aus. Während der Premiere verließen die Gegner einfach in Scharen, aber klaglos den Saal.

Hörbaren Jubel entfachten dafür die Werke zweier junger Regisseurinnen, von denen wohl bei der heutigen Preisverleihung in der einen oder anderen Form die Rede sein wird – „Lazzaro Felice“ der Italienerin Alice Rohrwacher gleich zu Beginn und nun „Capharnaüm“, den Nadine Labaki aus dem Libanon ins Rennen schickte. Auch dies ist ein Sozialdrama in der Tradition des Neorealismus, wenn auch um einiges lauter und plakativer als Rohrwachers Film.

Ein Zwölfjähriger steht in Handschellen vor einem Richter. Wegen schwerer Körperverletzung an dem Mann, den seine kleine Schwester heiraten musste, sitzt er bereits eine fünfjährige Haftstrafe ab. Nun hat er seine eigenen Eltern angezeigt. Auf die Frage des Richters nach dem Grund gibt er zur Antwort: „Weil sie mir Leben gaben.“ So viel Pathos muss Labaki in den folgenden Rückblenden erst einmal beiseite wischen, sonst würde man ihrer Geschichte aus den Slums von Beirut wahrscheinlich gar nicht folgen. Es ist die Qualität der Fotografie ihres in Berlin lebenden Landsmanns Christopher Aoun, die jenes Drahtseil zwischen Realität und Überhöhung spannt, auf dem dieses Melodram zwei Stunden lang überraschend erfolgreich balanciert: Als es dem Jungen nicht gelingt, seine gewalttätigen, lebensuntüchtigen Eltern von der Zwangsverheiratung des Mädchens abzuhalten – später stirbt die Elfjährige an ihrer Schwangerschaft – flieht er von zu Hause. 

Nun findet der Film der erfolgreichen Videoclip-Regisseurin zu poetischem Realismus, wenn er sich ganz dem Kind widmet, das sich eines verlassenen Babys annimmt. Mit einem Fuß aber bleibt Labaki im Kitschtopf, ein Hauch von „Slumdog Millionaire“ umweht ihr Melodram. 

Das ist gut für die Oscars, aber nicht unbedingt für eine Goldene Palme. 

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