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Film Erste Liebe aus zweiter Hand

Zartes in lauten Bildern: In seinem Langfilmdebüt „Es war einmal Indianerland“ schwelgt Ilker Çatak in extremen Perspektiven.

Kinostart - "Es war einmal Indianerland"
Mauser und Edda, Johanna Polley und Leonard Scheicher. Foto: dpa

Alfred Hitchcock hatte sicher nicht in allem Recht. Aber er traf einen Punkt, als er die Mode beklagte, aus dem Inneren geöffneter Schränke heraus zu filmen. Nichts gegen eine gut motivierte Vogelperspektive. Aber die einer Motte?

In seinem Langfilmdebüt „Es war einmal Indianerland“ schwelgt Ilker Çatak in extremen Perspektiven. Wann immer der 17-jährige Protagonist Mauser in seinem Berliner Wohnsilo den Briefkasten öffnet, und er tut es sehr oft, denn er ist verliebt, sitzt die Kamera schon darin und schaut ihm zu.

Selten hat man eine eigentlich zärtliche Geschichte in so laute Bilder gekleidet. Es ist die alte Fabel vom Jungen aus dem Problemviertel, der sich in die Tochter aus reichem Hause verknallt. Doch beide Milieus sind in derart bunt, schrill und schräg fotografiert, dass man sie lange kaum unterscheiden kann. Man hat das Gefühl, der Filmemacher, der bereits eine Reihe erfolgreicher Kurzspielfilme gedreht und für einen sogar den Studenten-Oscar gewonnen hat, traue seiner Geschichte nicht ganz. Anders ist die Überinszenierung, die der Werbung näher ist als den vielen Klassikern, die immer wieder Modell gestanden haben, nicht zu erklären.

Keine Angst, es ist nichts Ernstes

Sicher, schon Romanautor Nils Mohl mag an Tarantino gedacht haben, als er das literarische Ich des Jugendlichen sein chaotisches Leben unchronologisch rekapitulieren ließ. In der Verfilmung wird dazu gleich vor- und zurückgespult wie in Hanekes „Funny Games“. Ein allwissendes voice-over nimmt den Zuschauer gleich zu Beginn unter seine Fittiche wie in Tykwers „Lola rennt“, dessen Tempo der Filmemacher auch für diese nicht ganz so dramatische Liebesgeschichte offenbar passend findet.

Ehrfürchtig erweist er sogar dem Meister der Spannung Referenz, wenn ein wenig Blut im Abfluss-Strudel verschwindet und die Kamera die Einladung annimmt, sich um die eigene Achse zu drehen wie in „Psycho“. Aber keine Angst, es ist nichts Ernstes.

Mauser ist als Amateurboxer hart im Nehmen. Und außerdem ritzt er sich auch gerne selbst die Hand auf, wenn es etwas so Wichtiges wie die Telefonnummer einer Zufallsbekanntschaft festzuhalten gilt. Hinreißend unschuldig wirkt er gleichwohl in der Darstellung von Leonard Scheicher, dem Nachwuchstalent aus „Finsterworld“. Leichtes Spiel für die Femme Fatale in dieser Geschichte, Jackie (Emilia Schüle), die ihr links-bourgeoises Elternhaus durch eine betont trashige Aufmachung vergessen machen möchte. Dafür zeigt sich die andere junge Frau, die sich für Mauser interessiert, auch im Sommer hochgeschlossen. Die 21-jährige Edda (Johanna Polley) bevorzugt den Grunge-Stil der späten 90er Jahre, als sie vielleicht von Winona Ryder gespielt worden wäre. Immerhin dreht Ilker Çatak so kräftig an der Retro-Schraube, dass sich kein Jahrzehnt bevorzugt fühlen müsste. Selbst die 60er Jahre sind gut vertreten – mit einem Godard Zitat und dem – herrlich altväterlich unterlegten – Charles-Aznavour-Chanson „Deine siebzehn Jahr“.

Es sind die drei jungen Schauspieler, die diesen Film so lebendig machen, wie es sein Schick aus zweiter Hand eben so erlaubt. Schade, dass man nicht einfach wie bei einer überproduzierten Platte einen Remix davon machen kann. Oder, besser noch, eine Unplugged-Version.

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