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Film „Die letzten Männer von Aleppo“ „Wir suchen die Leichenteile“

Ein Treffen mit Feras Fayyad, dessen preisgekrönter Dokumentarfilm „Die letzten Männer von Aleppo“ in die deutschen Kinos kommt.

„Die letzen Männer von Aleppo“
Zwei der Männer, die in der Dokumentation die Schuttberge in Aleppo durchsuchen. Foto: Rise and Shine Cinema

Die Menschen in diesem Film sind staubbedeckt. Es ist der Staub von zusammenfallenden Gebäuden, von Häusern, die von einer Bombe getroffen worden sind. Staubbedeckt sind die Opfer, staubbedeckt sind die Retter, die mit bloßen Händen nach Verschütteten graben und dabei etwa auf eine Kinderhand stoßen. Sie bewegt sich! Jetzt sind sie Schatzgräber, ziehen etwas Lebendiges aus den Trümmern, auch wenn das Gesicht des kleinen Jungen schlimm angeschwollen und blutig ist. Oft genug sind sie Totengräber, ziehen Babys heraus, deren Kopf schlaff nach hinten abknickt, wenn sie sie endlich hochheben können.

Wenn noch jemand am Leben ist, der dieses Wesen kannte, wird geschrien. Manchmal schreit niemand mehr, die ganze Familie liegt tot unter Trümmern. Sie finden eine Hand, einen Fuß, fragen einen alten Mann, einen Nachbarn, ob er den Toten nicht anhand der Nägel identifizieren kann, sie packen Leichensäcke. Es ist nicht leicht, diesen Film anzusehen, aber das ist nichts verglichen damit, in der Welt zu leben, die dieser Film beschreibt: in Aleppo.

Der Regisseur Feras Fayyad hat Weißhelme porträtiert, den syrischen Zivilschutz. Es sind Freiwillige, die dorthin eilen, wo Bomben gefallen sind. Sie graben Verschüttete aus, löschen Brände und versorgen Verletzte. Es ist eine private Organisation von Freiwilligen, die es nur in den Gebieten gibt, in denen Oppositions-Milizen die Kontrolle haben.

Ihre Rolle im Bürgerkrieg ist umstritten. Es gibt Vorwürfe, die Weißhelme seien eng mit Al-Kaida und der Al-Nusra-Front verbunden. Andererseits sind sie vergangenen September mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden.

Aber um all dies geht es nicht in Feras Fayyads Film mit dem Titel „Die letzten Männer von Aleppo“. Er hat sein Leben riskiert, um zu zeigen, dass es Menschlichkeit, Freundschaft und Selbstlosigkeit inmitten dieser Stadt gibt, die die Welt zuletzt nur noch als hoffnungsloses Kriegsgebiet kannte.

Wir treffen Feras Fayyad in einem Café in Berlin-Mitte, er ist in die Stadt Berlin gekommen, um seinen Film vorzustellen. Seinen schwarzer Anorak ziert das Emblem des Sundance Film Festivals. „Die letzten Männer von Aleppo“ ist dort mit dem Großen Preis der Jury in der Kategorie „World Cinema Documentary“ ausgezeichnet worden. Auf die Bemerkung, er habe sein Leben riskiert für dieses Werk, reagiert er mit einem leisen „Ja“. Das Thema scheint ihn nicht weiter zu interessieren. Oder vielleicht ist es eher so, dass es Wichtigeres gibt. „Das ist es, was ich für mein Land tun kann“, sagt Feras Fayyad über seinen Film. Ein bisschen ist er auch stolz darauf, man spürt es, Bilder aus dieser Hölle herausgebracht zu haben.

Er ist seinen Protagonisten unglaublich nah gekommen. Ahmed und seinem jüngeren Bruder etwa, deren Eltern glauben, sie seien in Sicherheit, in der Türkei. Mohamed, Vater von zwei kleinen Mädchen, der von Trümmern begraben wird, aus denen er Menschen retten wollte. Zwei Stunden lebt er noch, sein Freund Nagieb ist bei ihm.

Eine Szene zeigt diese Nähe ganz besonders. Die Männer verbringen die Nacht zusammen in einem Raum, jeder liegt auf einer Matratze, sie rauchen, telefonieren mit der Frau, den Kindern. Einer fängt an zu singen: „Oh goldener Zweig“ heißt das Lied. Doch dann improvisiert einer einen ganz anderen Text. „Sie benutzen Vakuumbomben, wir eilen zum Einschlagsort und suchen die Leichenteile, die Häuser brennen, aber die Weißhelme sind bereit.“

Eine Frage, die sich die Männer in seinem Film immer wieder stellen, heißt: Gehen oder bleiben? Feras Fayyad scheint sie für sich beantwortet zu haben, er arbeitet in Kopenhagen, auch wenn er oft nach Syrien reist, die Grenze illegal übertritt. „Ich musste gehen“, sagt er. Den Entschluss fasste er, nachdem er das zweite Mal aus dem Gefängnis entlassen worden war. Das erste Mal saß er zwei, das zweite Mal acht Monate. Feras Fayyad wurde verhaftet, weil er die Revolution mit seiner Kamera dokumentierte, Demonstrationen filmte, Interviews führte.

Der 32-Jährige, der aus der ländlichen Umgebung Aleppos stammt, hat Film in Paris studiert. Nur, weil sein Name auf einer Liste von UN-Delegierten stand, die sich für inhaftierte Journalisten und Filmemacher einsetzte, kam er wieder frei. „Ich wurde gefoltert“, sagt er. Geschlagen, an den Handgelenken aufgehängt und – er zupft an den Fingern seiner schmalen Hand, an einem nach dem anderen – ihm seien die Fingernägel herausgerissen worden.

Unwillkürlich blickt man sich um in dem Café, in dem Menschen Latte Macchiato trinken oder Tee aus frischem Ingwer. Hat das gerade jemand mitbekommen, diese Ungeheuerlichkeit? Doch bringt man das, was man da gerade gehört hat, selber nicht zusammen mit dem jungen Mann in Jeans und blauem Hemd, der das schon ergrauende Haar wirkungsvoll aus der Stirn gestrichen hat. Es erscheint einem unwirklich. Es ist, als demonstriere einem eben diese Begegnung, wie man es schafft, angesichts von Grauen, das anderen zustößt, nichts zu tun oder jedenfalls nicht viel, nicht genug. So wenig jedenfalls, dass einer der Film-Protagonisten ausruft: „Wo ist die Welt?“

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