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Film "All is lost" Der alte Mann und das Weltmeer

In J.C. Chandors dramatischem, globalisierungskritischen Seestück "All is lost" zeigt Robert Redford als Segler und Schiffbrüchiger eine außergewöhnliche Leinwandpräsenz. Den Oscar wird man ihm dafür schwer vorenthalten können.

Ein Kammerspiel in den Weiten des Indischen Ozeans: Robert Redford als Schiffbrüchiger in „All is lost“. Foto: epd

Das einzige Buch, das Robert Redford je geschrieben hat, ist ein nahezu vergessener Bildband namens „The Outlaw Trail“. 1975, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, hatte sich der Star mit ein paar Freunden auf Pferde gesetzt, um die historischen Pfade der Gesetzlosen abzureiten – oder das, was noch von ihnen übrig war.

Man besuchte die 96-jährige Schwester von Butch Cassidy und sammelte Fotos malerischer Landschaften, die sich zu Beton verwandelten, bevor man noch recht hingesehen hatte. Schon vorher war Redford zu der bitteren Erkenntnis gekommen, dass er in seiner Heimat die Natur eigentlich nur dauerhaft bewahren könne, wenn er so viel wie möglich davon aufkaufte. „All is lost“, alles ist verloren, der Titel seines jüngsten und vielleicht radikalsten Leinwandauftritts, hätte schon damals die Wut dieses Sisyphos im Kampf gegen das Entschwinden eines amerikanischen Mythos beschreiben können.

Nun also sehen wir ihn wieder, als 77-jährigen Segler und Schiffbrüchigen, der sich einsam und trotzig den Elementen in den Weg stellt. Was seine Filmfigur antreibt, muss mehr sein als bloßer Überlebenswille, so wie sie auch nicht nur die Lust an sportiver Grenzerfahrung auf den Trip geschickt haben kann. Doch welcher Dämon den namenlosen Helden auch immer geritten haben mag, welcher Schutzengel auch mit ihm ist, etwas Metaphysisches muss es wohl sein.

Comeback des Stummfilms in aller Munde

So war es ja auch bei der ersten fatalistischen Heldenrolle gewesen, die sich Redford 1972 als Produzent ermöglicht hatte, dem Trapper „Jeremiah Johnson“, der sich durch verschneite Wälder kämpfte. Damals führte Sydney Pollack Regie, jetzt ist es J. C. Chandor, doch das Ergebnis ist das gleiche: Redford macht sich auch in fremder Inszenierung einen Film in einer Weise zueigen, wie es nur eine außerordentliche Leinwandpräsenz ermöglicht.

Den Oscar wird man ihm dafür schwer vorenthalten können, Chandor, der mit dem Kapitalismus-kritischen Ensemblefilm „Der große Crash“ bekannt wurde, mag der Kapitän sein, aber Redfords robuste Männlichkeit ist das Schiff: In einem Ozean der Montagekunst, einem Meer präzise geplanter Kamerabewegungen und Lichteffekte, ist er der menschliche Faktor. Als sein eigener Regisseur hätte er sich niemals in derartiger Action inszenieren können, erst im Film eines anderen kann er sich ganz entfalten.

Seit dem Oscar-Gewinner „The Artist“ ist das Wort vom Comeback des Stummfilms in aller Munde. Auch „All is lost“ muss man zu dieser Bewegung zählen, auch wenn Redfords Filmfigur irgendwann doch die Stille, die ihn umgibt, zerreißen und das unvermeidliche „F-Wort"herausschreien muss. Wer kann es ihm verdenken.

„Vielleicht habe ich überlebt, weil ich Hollywood fern geblieben bin“, sagte Robert Redford am Rande der Premiere in Cannes. „Ich blieb in den Bergen, habe mir in Utah ein Haus gebaut, um Versuchungen fern zu bleiben, die vielleicht nicht gut gewesen wären.“

Auch in „All is lost“ ist er ein Überlebender, egal, wie man den vieldeutigen Schluss interpretieren mag. Ein Soundtrack aus minimalistischer Kammermusik und ein unaufdringlicher Symbolismus öffnen sich gleichermaßen politischen wie metaphysischen Lesarten: Es ist „der alte Mann und das Meer“ in den Zeiten der Globalisierungskritik.

Denn der „Outlaw Trail“ dieses Seglers, die Route über den Ozean, ist zwar auch die der großen Containerschiffe, doch Hilfe ist von ihnen nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Erst verursacht ein verlorener Metallbehälter den fatalen Schaden am Boot, dann passieren die Frachtriesen unbeirrt den Schiffbrüchigen, wenn er seine wenigen Leuchtkugeln abfeuert. So sehr sich dieses Seestück also von der Bildsprache seines Finanzdramas „Der große Crash“ unterscheidet, wieder geht es dem Filmemacher J. C. Chandor um die Wege des Geldes und um Wirtschaftswerte, denen die ethischen Maßstäbe abhanden gekommen sind. Die Verbindung zum Naturdrama passt wiederum zu Robert Redfords eigenem Werk als Regisseur, insbesondere „Milagro – Der Krieg im Bohnenfeld“.

Man kann nur staunen über die Virtuosität im vermeintlich Einfachen. Gedreht auf drei Booten gleicher Bauart auf den Bahamas und in kalifornischen Gewässern vor Los Angeles, gelang eine nur selten erlebte Nähe zum Geschehen. Doch die eigentliche Qualität ist ein filmischer Rhythmus, der geradezu sinfonisch zwischen den Fortissimi eines Seesturms und der bedrohlichen Ruhe des hoffnungslosen Treibens variiert. Immer wieder zeigt Chandor irreale Unterwasseraufnahmen des Boots aus Untersicht, umschwärmt von Fischen in vermeintlichem Einklang mit der Natur.

Und da ist sie dann wieder, die verlorene Utopie vom Pionier, der sich in der Natur behauptet, ohne sie zu zerstören. Robert Redford hat in den vergangenen vierzig Jahren ihr Lied wie kaum ein anderer gesungen.

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