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Fetih 1453 Welch wunderbare Armee!

Er ist der teuerste und wahrscheinlich erfolgreichste türkische Film aller Zeiten: „Fetih 1453“ widmet sich scherenschnittartig der Eroberung Konstantinopels - und erregt die Gemüter.

Der Filmheld im türkischen Monumentaldrama wird zum Übermenschen: Von Pfeilen durchbohrt, kämpft er heroisch weiter. Foto: Kinowelt

Der türkische Historienfilm „Fetih 1453“ (Eroberung 1453) erregt die Gemüter. Worum es im teuersten türkischen Films aller Zeiten geht, macht schon sein Vorspann klar, der aus einer der Hadithen des Propheten Mohammed zitiert: „Wahrhaftig, ihr werdet Konstantinopel erobern! Welch wunderbarer Führer wird euch führen, und welch wunderbare Armee wird das sein!“

In den folgenden 160 Minuten zeigt „Fetih 1453“ den Osmanen-Sultan Mehmed II. und seine Armee bei der Belagerung und Erstürmung von Konstantinopel im Jahr 1453. Das 17 Millionen Dollar teure Historiendrama des türkischen Regisseurs Faruk Aksoy, das vergangene Woche weltweit startete, zog bereits an den ersten vier Tagen in der Türkei eine Million Menschen ins Kino. In den deutschen Kinocharts steht der Film auf Platz vier. „Fetih 1453“ ist der erfolgreichste türkische Film, der je gestartet wurde.

Wegen seiner stark islamischen Färbung war „Fetih 1453“ schon zuvor umstritten. Die griechische Wochenzeitung To Proto Thema nannte den Film „Eroberungspropaganda der Türken“ und schrieb: „Die türkischen Invasoren präsentieren sich selbst als Herrscher der Welt“, und sie zeigten die Massenmorde an Griechen nicht. Eine Evangelikalen-Truppe namens „Via Dolorosa“ aus Köln rief zum Boykott des Films auf. Die Türken sollten sich wegen ihrer Gräueltaten schämen, anstatt die Eroberung zu feiern. Genüsslich druckten türkische Postillen diesen Unsinn nach. Kurz vor dem Filmstart wurde noch die Meldung lanciert, Hacker hätten die Webseite des Verleihers lahmgelegt. Vermutlich Griechen, vermuteten Facebook-Nutzer. Vielleicht auch Reklameprofis.

Fetih heißt Eroberung und ist zugleich der Ehrenname von Sultan Mehmed II., ein der Bildung, den Künsten und der europäischen Renaissance zugewandter Mann. Der Fall Konstantinopels 1453 versetzte dem siechen Weltreich Byzanz den Todesstoß und leitete den Aufstieg des Osmanischen Reichs zur Großmacht ein. Der Sieg des 21 Jahre alten Sultans war machtpolitisch überfällig, denn die christliche Stadt lag seit Jahrzehnten wie eine Insel mitten im Herrschaftsgebiet der Osmanen.

Auch Faruk Aksoys Filmspektakel benötigt einen überlangen Anlauf, bis endlich zur Schlacht geblasen wird. Die Kampfszenen sind zwar ebenso opulent wie die (stets ein wenig zu sauber wirkenden) Kostüme, doch das Format der Computeranimation von Sandalen-Epen wie „300“, „Alexander“ oder „Troja“ kann „Fetih 1453“ nicht erreichen. Dafür gibt es zahlreiche Anspielungen auf die Mutter aller modernen Schlachtenfilme, den „Herrn der Ringe“. Mit grausamen Kampfbildern spart der Film nicht. In einer Rückblende massakrieren Kreuzritter wehrlose Dorfbewohner, aber auch die Truppen des Sultans stehen dem nicht nach. Viel Blut fließt auf allen Seiten. Das ist geschichtlich belegt. Vollkommen unhistorisch dagegen ist der Schluss. „Fetih 1453“ verschweigt die osmanischen Plünderungen und Massaker in der eroberten Stadt, zeigt stattdessen einen kinderlieben Mehmet II., der den in die Hagia Sophia geflüchteten Christen verspricht, ab jetzt auch ihr Sultan zu sein.

In seiner scherenschnitthaften Naivität erinnert „Fetih 1453“ an patriotische Epen seit D.W. Griffith’s „Birth of a Nation“ und ist dabei doch vor allem eines: Propaganda für die regierende Wohlfahrts- und Gerechtigkeitspartei (AKP) des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Der Film wurde nicht umsonst von der AKP-geführten Stadtverwaltung Istanbuls mitfinanziert. Dem gerade von einer Operation genesenden Regierungschef ließ Aksoy eine Privatkopie ins Istanbuler Heim liefern. Erdogan erklärte, der Film werde für viele türkische Regisseure zum Maßstab werden.

Im Unterschied zu früheren türkischen Zelluloidepen liegt der Fokus nicht auf dem heldenhaften Volk, sondern dem Sieg der Muslime, die mit dem tausendstimmigen Ruf „Gott ist der Größte“ in die Schlacht ziehen (an diesen Stellen hörten die Istanbuler Kinobesucher stets auf, ihr Popcorn zu knispern). So also will sich die AKP-Türkei darstellen: mehr islamisch als osmanisch; muslimisch-züchtig statt christlich-ausschweifend; mächtig, aber kinderlieb.

Bei türkischen Kritikern fand der Film gespaltene Aufnahme. Liberale Kolumnisten kritisierten seine Länge ebenso wie den im Guss einer Riesenkanone gipfelnden Machismo.
AKP-nahe Blätter bejubelten den patriotisch-männlichen Tenor des „Meisterwerks“ und offenbarten eigenartige Minderwertigkeitskomplexe, etwa der Rezensent von Sabah: „Ab jetzt beiße ich mir nicht mehr die Nägel ab, wenn ich „Braveheart“ im Fernsehen sehe und werde bei „Kolumbus“ nicht mehr lamentieren, dass wir zwar die besten Eroberungsgeschichten haben, aber keinen Film darüber zustandebringen.“

Die ebenso regierungstreue „Today’s Zaman“ druckte aber neben einer Jubelkritik auch einen Verriss ihrer renommierten Rezensentin Emine Yildirim: „Wie das Porträt der Perser als barbarische Monster in ,300’ viele Menschen aufbrachte, so wird auch die Darstellung des Papsttums und der griechisch-byzantinischen Orthodoxie in ,Fetih 1453’ viele Menschen ärgern. Wenn wir uns aufregen über erniedrigende und orientalistische Darstellungen in westlichen Blockbustern, sollten wir wenigstens so anständig sein, nicht die gleichen Fehler zu begehen“.

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