Lade Inhalte...

Fatih Akin "The Cut" Odyssee neben der Zeit

Fatih Akins imponierendes Epos „The Cut“ erzählt vom Völkermord an den Armeniern. Und ist ein Film, der viele Filme auf einmal sein will.

Szene aus dem Film "The Cut", der am 16.10.2014 in die Kinos kommt. Foto: epd

Man braucht etwas Zeit, sich einzufühlen in seine Odyssee eines Armeniers und liebenden Vaters, der um Haaresbreite dem Genozid von 1915 entkommt und dann nur noch seine Töchter sucht. Und dabei Wüsten, Länder und einen Ozean hinter sich lassen wird.

An dieser Zeit besteht freilich auch gar kein Mangel: Während seiner 138 Minuten ändert das Epos oft genug Tempo und auch Stil, um in den wechselhaften Strom einzutauchen. Oder bei gedrosselter Fahrt aufzuspringen auf einen der vielen alten Züge, die für die aufwendige Produktion an verschiedenen Drehorten reaktiviert wurden.

Wenn wir den Eindruck haben, dass Fatih Akin dabei immer wieder zu einem neuen Film ansetzt, liegt das nicht an einer komplexen Erzählstruktur, wie sie den Vorgänger seiner „Liebe, Tod und Teufel“-Trilogie „Auf der anderen Seite“ so interessant machte.

Auch an ihren Anfang, den wuchtig-leidenschaftlichen Berlinale-Gewinner „Gegen die Wand“ erinnert wenig. Bei allem Aufwand, der langen Drehzeit auf mehreren Kontinenten und den auf der Leinwand mehr als sichtbaren Produktionskosten von 16 Millionen Euro, ist es eine Erzählung von geradezu archaischer Einfachheit, und darauf muss man sich erst einmal einlassen.

Der Reiz der enttäuschten Erwartung

„Ich finde es immer reizvoll, die Erwartungen zu enttäuschen. Das habe ich ja auch mal mit den Erwartungen meiner Eltern gemacht.“ Es scheint, als wolle Akin im Interview die Flucht nach vorn antreten, aber als Enttäuschung wurde sein Wettbewerbsbeitrag „The Cut“ in Venedig keineswegs empfunden. Allerdings: Es liegt am Zuschauer, so er denn will, in der üppigen Orchestrierung nach der einfachen Melodie zu suchen und sie für sich inmitten historischer Tableaus freizulegen.

Was in deutlichen Bildern von angemessener Grausamkeit beginnt, ist eben nicht das filmische Mahnmal dessen, was in der Türkei als „Ermeni soykirimi“, als „armenischer Genozid“ bekannt ist, wenn auch gern verleugnet wird. Es ist nur die Exposition für eine Abenteuergeschichte, wie man sie in der Spielzeit vor knapp hundert Jahren gern in Fortsetzungen druckte, und deren Wendungen sich oft erst beim Schreiben ergeben haben mochten. Wäre Karl May, der die Armenier zu hakennasigen Untermenschen typisierte, nicht so ein Rassist gewesen – man könnte glatt an seine Reisegeschichten denken.

Tahar Rahim spielt Nazaret, einen armenischen Schmied, der 1915 von türkischen Gendarmen verschleppt wird. Als Sklavenarbeiter beim Eisenbahnbau wird er Zeuge der Todesmärsche alter Armenier, Frauen und Kinder. „Ich wollte mit den Zügen die Rolle der Deutschen mit einarbeiten in diesen Völkermord“, sagte Akin in Venedig. „Wenn die Bagdad-Bahn, als sie gebaut wurde, durch die Todescamps ging und die davon wussten, musste ich das mit einbauen.“ Man kann bedauern, dass diese Verstrickung im Film – abgesehen von der Präsenz eines deutschen Ingenieurs – nicht stärker thematisiert wird.

Als sich Nazaret eines Morgens ohne Bewacher wiederfindet, gerät er in die Gefangenschaft von Söldnern. Eine Massenexekution überlebt er knapp: Das Henkermesser hat seine Kehle nicht durchtrennen können, ihn aber der Sprache beraubt. Als einsamer Wanderer folgt er den spärlichen Spuren seiner Zwillingstöchter, die seine Mutter bei Beduinen verstecken ließ. In einem libanesischen Kinderheim findet er wenigstens ein Foto. Weitere Hinweise führen ihn nach Kuba, von Florida nach Minneapolis und schließlich Norddakota – hier ist der Film, der über weite Strecken die Formen eines Westerns angenommen hat, endlich auch in seiner Genre-Heimat angekommen.

„Wenn man philosophische oder politische Ansätze in den Film schmuggeln will“, so Akin, „dann braucht man die Rhetorik von Genres. Der Zuschauer erwartet diese Versprechen, und natürlich habe ich dabei Vorbilder: Sergio Leone, Bertolucci, David Lean, Kazan, damit bin ich ja aufgewachsen. Klar lagert sich das ab und wartet auf das richtige Material, das auszudrücken, und das war das richtige Material.“

Im klassischen Hollywoodkino – dem mit seinem Western „The Searchers“ zitierten John Ford dankt Akin im Abspann – war geradliniges Erzählen eine Tugend. Selbst „Ben Hur“ tat letztlich wenig anderes, als den Leidensweg eines Einzelnen als Heldenreise zu erzählen.

Heute wirkt es beinahe anachronistisch, dieser Einfachheit in einer 16-Millionen-Produktion zu begegnen – aber durchaus imponierend. Das Wort „Aufwand“ versteht Akin gleich als Kritik: „Ich mache die Preise ja nicht“, verteidigt sich der Regisseur. Doch in der Opulenz liegt tatsächlich nichts Äußerliches. Wenn der Begriff des großen Kinos noch etwas wert ist, dann bei dieser Verbeugung vor der Vergangenheit.

Eine Verbeugung vor Ennio Morricone

Besonders kunstvoll gelingt die Verbindung zwischen modernen und klassischen Elementen in der Filmmusik des „Einstürzende Neubauten“-Musikers Alexander Hacke: Hörbar verbeugt er sich vor Ennio Morricone, zugleich arbeitet er ein armenisches Volkslied ein – und verbindet schließlich verzerrte E-Gitarren mit zarten Chören. Diese Verwegenheit wünscht man Akins Film durchweg.

Leider gelingt es Hauptdarsteller Tahar Rahim („Der Prophet“) nur in den handlungsstarken Szenen die zentrale Position des Films zu füllen. Über zwei Drittel spielt er pantomimisch – mitunter unsicher zwischen Reduktion und chaplineskem Sentiment schwankend. Doch auch diese Unebenheiten gehören zu einem Film, der viele Filme auf einmal sein möchte – und gerade deshalb zu einer berührenden filmhistorischen Reiseerzählung wird.

Akin zeigte seinen Film vorab Martin Scorsese und schrieb das Buch zusammen mit dessen früherem Autor Mardik Martin. „Scorsese öffnete nach der Vorführung sein kleines Notizbuch“, erzählt Akin. Doch auszusetzen hatte er offenbar nur Nebensächliches: „Er sagte: Ich weiß nicht, warum die Schuhe so hell sind in der Szene oder da die Wand so rot. Ich würde wer weiß was geben, um diese Seiten zu kopieren und im Büro einzurahmen.“

The Cut, Regie: Fatih Akin. Deutschland 2014, 138 Min.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen