Lade Inhalte...

Fantasy-Regisseur M. Night Shyamalan Angstmache mit dem Anderen

Der Fantasy-Regisseur M. Night Shyamalan spricht im Interview über die Erzählkunst und Manipulierbarkeit.

Der Kidnapper, gespielt von James McAvoy. Foto: Universal Pictures

Herr Shyamalan, wie kaum ein zweiter Filmemacher haben Sie sich auf ein Genre spezialisiert – den überwirklichen Horrorfilm.
Ich habe mir diesen Weg nach „Sixth Sense“ gar nicht bewusst ausgesucht. Für mich war das einfach ein Film über Geister, dann kam „Unbreakable“, der für mich ein Comic-Film war, und der dritte, „Signs“, war eben der Alien-Film, den ich schon immer machen wollte.

Auch Ihren neuen Film, „Split“, kann man auf zwei Arten lesen: Eher realistisch als einen psychologischen Thriller über eine gespaltene Persönlichkeit. Oder in der romantischen Tradition des Doppelgängermotivs, das im 19. und frühen 20. Jahrhundert äußerst beliebt war.
Diese metaphysische Ebene ist für mich das Entscheidende. Wenn ich ein Filmprojekt angeboten bekomme und dieses spirituelle Element fehlt, ist es für mich nur noch Arbeit.

Nun sind Sie aber seit „Sixth Sense“ noch für etwas anderes bekannt, den unerwarteten Twist in einer Geschichte, der am Ende plötzlich alles ganz anders aussehen lässt.
Das Wort „Twist“ mag ich gar nicht so sehr, und wenn mir das nur wie ein Trick vorkäme, wäre ich es sicher wirklich bald leid. Das Interessante ist das Zurückhalten von Information und wie man sie anschließend über dem Zuschauer ausschüttet. Das Zurückhalten von Information ermöglicht die Spannung in einem Thriller. Dann gibt es wiederum Momente in einer Geschichte, wo man Informationen ablegen kann – aber es können auch zunächst falsche Informationen sein. Nehmen Sie zum Beispiel eine Geschichte über zwei Hotelmanager. Was führen sie wirklich im Schilde? Ist das überhaupt ein gewöhnliches Hotel? Oder ist da etwas Übersinnliches involviert? Die zurückgehaltene Information führt dazu, dass Sie den Moment herbeisehnen, wo etwas Information abgelegt wird. So strukturiert sich die ganze Geschichte.

Im Kino mag so ein Enthüllungsmoment nach einigen 20 Minuten kommen, in Fernsehserien erst nach vielen Folgen. Viele sehen im Serien-Fernsehen deshalb gerade das interessantere Medium. Sicher macht es Spaß, die Zuschauer über Wochen im Unklaren zu lassen, wie bei Ihrer Fernsehserie „Wayward Pines“.
Da gab es wirklich eine gewaltige Enthüllung, und ich habe entschieden, das erst in die Mitte zu legen. Ich konnte so vier, fünf Folgen lang den Eindruck erhalten: Was zum Teufel ist hier bloß los? Das ist das, was mir am meisten Spaß macht beim Fernsehen, die Architektur einer Staffel: Ich lade die Autoren in mein Haus ein, und dann überlegen wir das zusammen.

Einige Ihrer Filme wie etwa „Das Mädchen aus dem Wasser“ verraten für mich eine Sehnsucht nach dem Esoterischen, dem Irrationalen. Haben Sie nicht mal Lust, den Realismus ganz zu verlassen? Immerhin ist es ja ein Genre, das immer ein Publikum zu haben scheint.
Ich bin nicht sicher, ob das Publikum da wirklich so treu ist. Vor „Sixth Sense“ gab es eine Zeitlang kaum solche Filme …

Nun, es gab immer Stephen King
Der wurde aber immer als Randzone betrachtet. Inzwischen sind aber all die Genres wieder da, denken Sie an die vielen Comic-Verfilmungen. Ich wollte dagegen an die Tradition dieser großen, ikonischen Filme von Hitchcock, Robert Wise und Steven Spielberg anknüpfen.

Lassen Sie mich noch zwei Meisterregisseure dazu stellen, Jacques Tourneur und Apichatpong Weerasethakul. Was diese beiden verbindet, ist der tatsächliche Glaube an Geister. Glauben Sie an Überwirkliches?
Ich habe zumindest noch Hoffnung. Ich möchte gerne daran glauben. Dass da etwas Unnatürliches in der Welt steckt, das jeder Erklärung trotzt. In „Split“ musste ich eine Szene herausschneiden, weil sie nicht gepasst hat. Da wurde das wissenschaftlich Unerklärliche mit dem Placebo-Effekt beschrieben. Jedes neue Medikament, das auf den Markt kommt, muss ja erst einmal zeigen, dass es stärker ist, als diese unerklärliche Kraft. Und denken Sie an die Menschen, die mentale Kontrolle über Körper haben, wenn sie etwa über glühende Kohlen laufen. Was, wenn sich solche Menschen Superkräfte zutrauten? Der Placebo-Effekt hat mich immer fasziniert.

So wie uns der Placebo-Effekt gesund machen kann, lähmt uns die irrationale Angst. Heute glauben viele Menschen, von Terrorismus ginge eine größere Gefahr aus als vom Straßenverkehr.
Ja, das ist bestimmt eines der großen Übel in unserer Zeit. Staatslenker, die ihre Macht mit der bindenden Kraft der Angst ausbauen – mit dem Blick auf das Andere. Nichts eint ein Volk mehr, als die Angst vor etwas, das von außen kommt. Machthaber haben das immer instrumentalisiert. Wenn Sie heute nur ein Wort fallen lassen wie „anti-muslimisch“ haben sie alle im Griff. Auch das hat mit dem Geschichtenerzählen zu tun und reicht vermutlich zurück in die Steinzeit, wo man sagen konnte: Gehen wir dort lieber nicht hin, da haben wir eine größere Überlebenschance.

Die Manipulierbarkeit des Menschen ist eines der ältesten Horrorthemen, denken wir nur an „Das Kabinett des Dr. Caligari“. Was ist für Sie daran so faszinierend?
Ich glaube nicht, dass ich ein finsterer Charakter bin, meine Grundstimmung ist positiv. Ich bin der größte Optimist. Deshalb können mir all diese Gespräche über die Angst nichts anhaben. Für mich ist das ein Mittel zum Zweck.

Sind Sie religiös erzogen worden?
Sehr, und zwar von zwei Seiten: Meine Mutter ist sehr gläubig und praktiziert den Hinduismus. Auch meine Großeltern waren sehr spirituell. Aber dann kam ich auf eine katholische Schule, wo man mich zehn Jahre lang ebenso intensiv etwas anderes gelehrt hat. Was trotzdem nicht hängen blieb, ist jedoch die Vorstellung, dass das Mächtigste und Großartigste außerhalb unseres Daseins existiert. Das leuchtet mir nicht ein. Wenn es eine höhere Wahrheit gibt, dann liegt die Tür dazu in uns. Eher schon leuchtet mir die Idee ein, dass wir alle wie kleine Götter sind, die in dieses Höhere eintreten können. Dann kann uns auch niemand so leicht kontrollieren.

Interview: Daniel Kothenschulte

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen