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Europäischer Filmpreis „The Square“ räumt beim Filmpreis ab

Die Zuschauer kamen mit dem Zählen fast nicht mehr hinterher. Gleich sechs europäische Filmpreise räumte die schwedische Satire „The Square“ ab - auch den Hauptpreis. Und die Deutschen gingen nicht ganz leer aus.

Verleihung 30. Europäischer Filmpreis
Da wird von den „The Square“-Machern noch mal gejubelt. Foto: dpa

Am Ende war es dann vielleicht einer zu viel. Die Euphorie des Saalpublikums hielt sich in Grenzen, als „The Square“ am Samstagabend dann auch noch mit dem Preis als bester europäischer Film ausgezeichnet wurde. Manch einer hätte hier gern den ungarischen Beitrag „Körper und Seele“ vorn gesehen oder auch das französische Aids-Drama „120 BPM“, die ebenfalls um den Hauptpreis konkurrierten. Und sogar die Macher schienen vom Jubeln schon so ermüdet, dass sie zum Abschluss alle noch mal die Arme hochrissen. 

Der Triumph für „The Square“ hatte sich im Laufe des knapp dreistündigen Abends angebahnt, als der schwedische Regisseur Ruben Östlund nicht nur für das beste Drehbuch geehrt wurde, sondern sein Film auch als beste Komödie aufgerufen wurde. Zudem erhielt der dänische Schauspieler Claes Bang den Preis als bester Darsteller. Mit insgesamt sechs Trophäen ist „The Square“ der große Gewinner der 30. Auflage des Europäischen Filmpreises.

In der Gesellschaftssatire, die in diesem Jahr bereits mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, geht es um den Chefkurator eines Museums für Moderne Kunst, dessen privates und berufliches Leben auf absurde Weise durcheinandergerät, nachdem ihm Trickbetrüger Handy und Brieftasche gestohlen haben. In dem Bestreben, sein Hab und Gut wiederzufinden, trifft er problematische Entscheidungen, die ihn aus seiner Kunstblase heraus und hinein ins Leben katapultieren. In seiner beschwingten Kritik an der Geschwätzigkeit in vielerlei sozialen Beziehungen wirkt „The Square“ allerdings selbst etwas geschwätzig und wohlfeil. 

Ist das nun der beste Film, den Europa in diesem Jahr zu bieten hat? Eine Koproduktion, die auch in Toronto oder Boston hätte spielen können, mit den US-Serienstars Elisabeth Moss („Mad Men“) und Dominic West (The Wire“) in Gastrollen. Ein bisschen war es diesmal aber auch ein Wettkampf Cannes gegen Berlin. Dafür, dass die Berlinale nicht ganz leer ausging, sorgte dann lediglich die Auszeichnung für Alexandra Borbély als beste Schauspielerin.

Die Ungarin hatte die Zuschauer in „Körper und Seele“ (Goldener Bär) als autistisch veranlagte Qualitätsprüferin in einem Schlachthaus berührt. Für den deutschen Film, der im Vorjahr in Wroclaw mit Maren Ades „Toni Erdmann“ abgeräumt hatte, gab es diesmal wenig zu feiern. Maria Schraders wundervolles Stefan-Zweig-Porträt „Vor der Morgenröte“ bekam immerhin den Publikumspreis. Und das ist ja nicht zu verachten, denn was wäre ein Film ohne sein Publikum.

Zwei der Gewinner standen bereits vorher fest. Der russische Regisseur Aleksandr Sokurov („Die Sonne“) wurde für sein Lebenswerk geehrt. Viele seiner Filme werden in Russland nicht gezeigt, was einiges über die Verhältnisse in dieser einst großen Kinonation aussagt. Er bedankte sich mit einem Kniefall vor seiner Laudatorin Agnieszka Holland und hielt eine sehr ernsthafte Rede über das Leben. Ganz anders Julie Delpy (auch von solchen Kontrasten lebt eben Europa), deren Beitrag zur Weltfilmkunst gewürdigt wurde. Die Lobrede auf die amerikanisch-französische Schauspielerin und Regisseurin hielt Volker Schlöndorff, bei dem sie einst in „Homo Faber“ eine Hauptrolle gespielt hatte. In einer aufgeregten und lustigen Dankesrede warb Delpy für ihren neuen Film, den sie in Berlin drehen will und für den ihr noch 600.000 Euro fehlen.

Zu den Gästen der Zeremonie, die in geraden Jahren in der jeweiligen Kulturhauptstadt Europas stattfindet und in ungeraden Jahren in Berlin, zählte auch der chinesische Künstler Ai Weiwei, der mit seinem Filmessay „Human Flow“ für den Oscar nominiert ist und der sich zu Beginn  mit einem offenen Brief für die Freilassung des ukrainischen Regisseurs Oleg Senzow einsetzte, der 2015 von einem russischen Gericht zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt wurde.

Für den Filmpreis war die Jubiläumsausgabe auch eine Heimkehr. Als sich 1988 in einer Suite des Hotels Kempinski die Regisseure Bernardo Bertolucci, Ingmar Bergman, István Szábo, Richard Attenborough und Wim Wenders trafen, um die Ehrung aus der Taufe zu heben, war Europa ein geteilter Kontinent. Die erste Verleihung fand am 26. November 1988 im Theater des Westens statt, doch der erste Film, der ausgezeichnet wurde, kam aus dem Osten, er hieß „Kurzer Film über das Töten“ und stammte von dem polnischen Regisseur Krzysztof Kieslowski, auch das ein Symptom für die Zeit des Wandels, die längst angebrochen war. Als die Vergabe im Jahr darauf in Paris stattfand, war kurz zuvor die Mauer gefallen.

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