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Europäischer Filmpreis "Liebe" schlägt "Ziemlich beste Freunde"

Auf Malta wurden die Europäischen Filmpreise 2012 verliehen. Die großen Überraschungen blieben aus: Michael Hanekes Drama "Liebe" räumt gleich in mehreren Kategorien ab. Der Konkurrenz bleiben bestenfalls Nebenrollen.

02.12.2012 16:49
Patrick Heidmann
Der österreichische Regisseur Michael Haneke bei seiner Dankesrede. Foto: Reuters

Für große Überraschungen war der Europäische Filmpreis noch nie wirklich bekannt, und auch am Sonnabend auf Malta, wo die Veranstaltung zu ihrem 25. Jubiläum erstmals stattfand, blieben sie weitgehend aus.Michael Hanekes „Liebe“, der im Mai schon in Cannes die Goldene Palme erhalten hatte, wurde zum besten Film gekürt, so wie es gemeinhin erwartet worden war.
Überhaupt war die österreichisch-deutsch-französische Koproduktion über ein pensioniertes Professorenpaar in Paris, dessen Liebe auf die Probe gestellt wird, als nach einem Schlaganfall der Frau die Unausweichlichkeit des Todes Einzug hält in ihre Ehe, der große Gewinner des Abends. Wie bereits vor drei Jahren mit „Das weiße Band“ setzte sich Haneke nicht nur in der Kategorie Bester Film durch, sondern erhielt auch den Preis für die Regie. Auch seine Hauptdarsteller Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant wurden von ihren Kollegen in der Europäischen Filmakademie als die besten des Jahres geehrt. Anders als ihr Regisseur waren die beiden nicht vor Ort im Mediterranean Conference Center, einem spektakulären, aus dem Jahr 1574 stammenden Gemäuer. Der unermüdliche Trintignant stand in Frankreich auf der Theaterbühne und meldete sich per Video zu Wort; Riva musste krankheitsbedingt zu Hause bleiben.

"Ziemlich beste Freunde" geht leer aus

Der Konkurrenz blieben in der rund zweieinhalbstündigen Zeremonie, durch die zum vierten Mal in Folge Anke Engelke führte, bestenfalls Nebenrollen. Das dänische Drama „Die Jagd“, für das in Cannes immerhin noch Mads Mikkelsen den Darstellerpreis bekommen hatte, setzte sich zumindest in der Kategorie Drehbuch (Thomas Vinterberg & Tobias Lindholm) gegen „Liebe“ durch. Vier Mal war überdies das britische Kino siegreich: „Shame“ erhielt die Preise für Kamera und Schnitt, „Dame, König, As, Spion“ wurde für Musik und Szenenbild geehrt. Den Preis für den besten Dokumentarfilm gewann die Schweizer Produktion „Winternomaden“ von Manuel von Stürler, der italienische Altmeister und Oscar-Gewinner Bernardo Bertolucci wurde für sein Lebenswerk geehrt.


Christian Petzolds „Barbara“, nominiert als bester Film und für Nina Hoss als beste Darstellerin, ging – genau wie etwa der Berlinale-Gewinner „Cäsar muss sterben“ oder der französische Sensationserfolg „Ziemlich beste Freunde“ – komplett leer aus. Auch Jan Speckenbachs „Die Vermissten“ blieb in der Kategorie Europäische Entdeckung sieglos, es gewann der niederländische Jugendfilm „Kauwboy“. Neben „Liebe“ konnte sich immerhin eine weitere deutsche Koproduktion durchsetzen, „Alois Nebel“ von Tomas Lunak als bester Animationsfilm.

„The what?“

So wenig es aus cineastischer Sicht etwas auszusetzen gab an den Gewinnern, so sehr irritierten allerdings andere Aspekte des Abends. „The what?“ hatte Engelke in einem ihrer besseren Gags die Reaktion amerikanischer Filmemacher auf den Punkt gebracht, wenn von den European Film Awards die Rede ist. Tatsächlich interessiert sich in Hollywood kaum jemand für diesen Preis, was aber am Sonnabend die wenigsten Europäer davon abzuhalten schien, ihrerseits auf die filmische Konkurrenz aus den USA zu sprechen zu kommen.

Immer und immer wieder wurde in Einspielern oder Dankesreden gegen das amerikanische Kino und vor allem die Marketingmacht der großen Studios gestichelt. Selbst Helen Mirren, die stehende Ovationen bekam, als sie den Preis für den Besten Europäischen Beitrag zum Weltkino entgegen nahm, und sich in einer rührenden Rede vor großen europäischen Kolleginnen wie Jeanne Moreau, Hanna Schygulla oder Anna Magnani verneigte, lästerte in einer anschließenden Pressekonferenz gegen das System, in dem sie einen Großteil ihres Geldes verdient.

Hervorragendes Jahr für europäisches Kino

Dass sich das europäische Kino in einem für es hervorragenden Jahr (man denke an die atemberaubenden Zuschauerzahlen von „Ziemlich beste Freunde“ und die unzähligen Preise in Cannes und auf der Berlinale) noch immer aus der Abgrenzung gegen Hollywood definiert, ist ebenso schade wie unnötig. Gerade einer Veranstaltung wie dem Europäischen Filmpreis stünde es gut zu Gesicht, ein wenig mehr Stolz und Freude an den Tag zu legen und das Klagen über die Krisen Europas und des Kinos auf den Tag danach zu verschieben.
Was nicht heißt, dass es auf Malta nicht auch Momente voller Glück und Überraschungen gab. Entgegen aller Erwartungen erhielt den Publikumspreis nicht „Ziemlich beste Freunde“, sondern der charmante belgische Film „Hasta la vista“. Dessen Regisseur Geoffrey Enthoven nutze die allgemeine Verblüffung – und machte von der Bühne aus seiner Freundin einen rührenden Heiratsantrag. Und auch sie sagte an diesem Abend Ja zur Liebe.

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