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„Es war einmal in Deutschland“ Launige Anekdotensammlung über Holocaust-Überlebende

Sam Garbarski erzählt von Überlebenden der Shoah, die sich im Deutschland der Nachkriegszeit eine neue Existenz aufbauen. Eine eher seichte Komödie, die tragische Momente weitgehend ausspart.

Kino
Sie wollen die jüdische Rache sein: Aber hier verkaufen Tim Seyfi (l.) und Moritz Bleibtreu Stoffe an Tania Garbarski. Foto: Fabrizio Maltese/X-Verleih/dpa

Es dauert ein wenig, bis man ahnt, wie der Film „Es war einmal in Deutschland“ wohl zu seinem Titel kam. Da stehen dann die sechs Holocaust-Überlebenden, die der von Moritz Bleibtreu gespielte Tauschhändler David Bermann als Geschäftspartner um sich geschart hat, gefährlich aufgereiht beisammen wie die Gangster in Sergio Leones Klassiker „Es war einmal in Amerika“: „Wir sind die jüdische Rache“ schallt es, bevor sie sich mit Knüppeln an der glänzenden Limousine eines Altnazis zu schaffen machen.

Für einen Moment herrscht ein wenig Tarantino-Stimmung, doch die meiste Zeit scheint diese Komödie jedes Fortissimo ebenso zu scheuen wie andererseits die wirklich subtilen leisen Töne. Nur einmal, in ihrem einzigen, wirklich tiefschwarzen Moment, gelingt ihr echte Bitterkeit: Da jagen die nicht immer glorreichen Sieben den Kiosk eines Mannes in die Luft, in dem sie einen ehemaligen KZ-Aufseher vermuten. Die Sache geht gleich doppelt schief: Erstens töten sie den Schlafenden dabei versehentlich, zweitens war er wohl doch nicht der Gesuchte.

Komödien um die Holocaust-Thematik kommen unweigerlich an einen Punkt, an dem sie sich fragen müssen, wie sie den Hintergrund des Grauens repräsentieren wollen. Ein Film, der sich eine solche Bitterkeit leistet, könnte sich daran durchaus aufschwingen zu echter Größe. Beispiele gibt es genug – etwa Juraj Herz’ tschechische Groteske „Der Leichenverbrenner“ von 1969. Hier allerdings hat man das Gefühl, als wäre die Bitterkeit lediglich ein Ausrutscher in einem Umfeld von meist doch allzu unbeschwerter Heiterkeit.

Im Ausland heißt die Gaunerkomödie des deutschen Filmemachers Sam Garbarski, die auf der letzten Berlinale ihre Premiere feierte, weniger spektakulär „Bye, bye, Germany“. Denn tatsächlich: Eigentlich möchten die Männer das Land der Mörder nur schnellstmöglich verlassen. Zuvor jedoch gilt es jedoch, die Restbestände des von den Nazis enteigneten Tuchhandels, den Bermanns Familie in Frankfurt betrieb, zu Geld zu machen. Dazu braucht Bermann so genannte „Teilacher“, wie Hausierer auf Jiddisch heißen. Und die findet er in den anderen Überlebenden, die eine ganz erstaunliche Erfindungsgabe mit einbringen, wenn es des darum geht, deutschen Hausfrauen mit der Aussteuerware die Schnäppchen ihres Lebens aufzuschwatzen.

„Die Teilacher“ und „Machloikes“ heißen Michel Bergmanns Schelmenromane, die der Autor selbst zu einer durchgehenden Spielfilmhandlung adaptierte. Bergmann, der 1945 als Kind jüdischer Flüchtlinge in der Schweiz geboren wurde und seine Karriere als Journalist bei der Frankfurter Rundschau begann, gelang darin ein vielfarbiges Zeitbild. Und auch eine kleine Wirtschaftsgeschichte, aus der sich abzeichnet, warum so viele jüdische Überlebende ihren Plan zu emigrieren, bald wieder verwarfen. „Zuerst hat man gemusst überleben“, erklärt es im Roman die Figur des Fajnbrot, im Film gespielt von Tim Seyfi. „So wurde man Teilacher und hat sich getroffen mit anderen Teilachern und alle haben gehabt das gleiche Schicksal. So war es. Man hat kennengelernt a Frau, hat bekommen Kinder. Wie das so ist. Und dann ist man ja geblieben.“
Der warmherzige Ton von Bergmanns Erzählung hat sich in der Inszenierung erhalten, was verloren ging, ist allerdings das Lokalkolorit.

Vieles an diesem Film sieht aus wie in jedem zweiten Film über die frühe Nachkriegszeit, und man fragt sich, warum das eigentlich immer so sein muss. Gerade wenn man das Glück hat, einen so sprachgewaltigen Text zu verfilmen, muss man vielleicht nicht noch ständig auf Hochglanz polierte Oldtimer durchs Bild fahren lassen. Und gerade wenn man sich auf den Humor des Anekdotischen verlassen kann, dann könnte doch auch das Trauma hier und dort eine Rolle spielen – gerade weil es im Alltag des Überlebens die meiste Zeit verdrängt werden mag. Und so wird aus dem „Es war einmal“ des Titels nicht einmal mehr ein Leone-Zitat, sondern ein auf den wohligen Teil des Märchenhaften verkürzter Grimm.

In seinen besseren Momenten macht dieser Film allerdings die Kunst des Geschichtenerzählens selbst zum Thema. Sie gehören dem unfehlbaren Moritz Bleibtreu, wenn sein Bermann von einer US-amerikanischen Offizierin über seine Zeit im Konzentrationslager befragt wird, wo er bevorzugt behandelt worden sein soll. Auch wenn  die haarsträubende Geschichte, die nun erzählt wird, nicht ganz unbekannt ist im Genre der Holocaust-Komödie, folgt man ihr doch fasziniert: Angeblich habe er Hitler, ähnlich wie der tragische Held in Dani Levys „Mein Führer“, Nachhilfeunterricht gegeben – nämlich darin, wie man einen guten Witz erzählt.

„Es war einmal“ – es gehört schon etwas Chuzpe dazu, einen Film über Überlebende der Shoah im Ton einer launigen Anekdotensammlung zu erzählen. Tiefe Wasser erreicht Sam Garbarski dabei nicht und kann die Kulissenhaftigkeit nicht vergessen machen. Doch wie seine Helden kommt er immer wieder gut über die Runden.

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