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"Er ist wieder da" Lachen über Hitler? Nur wenn's lustig ist

Erst ist es nicht richtig witzig, und dann ist es auch wieder nicht schmerzhaft genug. David Wnendts Bestseller-Verfilmung "Er ist wieder da" verschenkt große dokumentarische Momente an eine biedere Mediensatire.

Hitler (Oliver Masucci) und die dem neuen TV-Star zugeteilte Sekretärin Fräulein Krömeier (Franziska Wulf). Foto: dpa

Lachen über Hitler? Warum nicht, wenn es denn lustig ist … Das Irritierende an David Wnendts Romanverfilmung „Er ist wieder da“ ist das zwiespältige Verhältnis, das Filmemacher zu Satire haben. Natürlich soll es komisch sein, aber das Lachen soll einem im Zweifelsfall dann doch besser im Halse stecken bleiben. Da möchte man erst einmal nicht widersprechen, denn wer wollte schon bei einem Film über einen in der heutigen Bundesrepublik wiederauferstandenen Hitler ganz ohne Schrecken davonkommen? Aber ganz so dramatisch ist es dann auch wieder nicht. Erst ist es nicht richtig witzig, und dann ist es auch wieder nicht schmerzhaft genug. So geht es 116 Minuten lang, was für eine unkomische Satire eine halbe Ewigkeit bedeuten kann.

Dabei war in den großen Hitler-Komödien, „Der große Diktator“, „Sein oder Nichtsein“ und „Frühling für Hitler“ das Lachen keineswegs verboten, ganz im Gegenteil. Es wurde gelacht, dass sich die Balken bogen. Vor dem Hintergrund des Schreckens bescherten diese Filme ein befreiendes Lachen, wie es unvermeidliche Folge von echtem Humor ist. Und der funktioniert im Kino, ob mit oder ohne Hitler, immer auf die gleiche Weise. Man braucht dafür eigentlich nur zweierlei: herrlich absurde, wenn auch an der Realität gespiegelte Situationen. Und geschliffen-pointierte Dialoge. Beides ist Mangelware in „Er ist wieder da“.

Es sei denn, man findet es schon grundsätzlich witzig, dass sich da so ein Hitler mit löchriger Fantasieuniform anno 2014 aus der Zierbepflanzung vor einem Wohn- und Geschäftshaus an der Berliner Wilhelmstraße erhebt, dort, wo man in den späten DDR-Jahren den ehemaligen Führerbunker zugeschüttet hat. Mit wackeliger Videokamera bemüht sich der Film bereits in diesen ersten Szenen um einen semi-dokumentarischen Look, wenn der Auferstandene auf drei wenig beeindruckte Kinder trifft. So möchte man zu wirklich dokumentarischen Elementen überleiten, die es ebenfalls gibt, aber leider viel zu wenige. Sie sind die Lichtblicke dieses merkwürdig uneinheitlichen Films, und sie geben eine Ahnung davon, was möglich gewesen wäre, genügte man sich nicht über weite Strecken in den biederen Formen einer handelsüblichen Mediensatire.

Mit zwei Kameras und drei Bodyguards zogen der Regisseur und sein Hauptdarsteller Oliver Masucci für die aktionistischen Höhepunkte durch deutsche Fußgängerzonen. Es ist die Methode von „Borat“ Sasha Baron Cohen, die hier verblüffend aufgeht. Dem improvisations-begabten Burgschauspieler gelingt es in verblüffender Weise, mit Passanten ins Gespräch zu kommen. Vor dem Brandenburger Tor lassen sich Touristen mit ihm fotografieren, so wie man es etwa am Hollywood-Boulevard für einen Dollar mit „Batman“ oder „Spongebob“ tun kann. Andere schütten ihm ihr Herz aus mit dem, was wir heute als Pegida-Rhetorik kennen, das aber zur Zeit der Dreharbeiten im Sommer 2014 noch im braunen Bodensatz keimte. Natürlich halten sie ihn weder für den echten Hitler noch für einen bekennenden Neonazi (obgleich sich natürlich, wie wir heute wissen, auch Pegida-Gründer Lutz Bachmann mit Hitlerbärtchen gut gefiel).

Die Art, wie sie diesem falschen Schnauzbart ihr Vertrauen schenken, erinnert vielmehr an Kinder, die sich einer Handpuppe anvertrauen. Dies sind die gespenstischen Szenen, für die wir gern das Lachen im Hals aufbewahren. Keinem Reporter gegenüber hätten diese Menschen ihre Dekomokratieverdrossenheit bekannt, aber einem nachgemachten Hitler schütten sie ihr Herz aus. Als dieser später einen NPD-Funktionär fragt, ob dieser für ihn in den Krieg ziehen würde, bittet der Befragte, die Kameras zu stoppen. Auf der Tonaufnahme, die weiter läuft, vernimmt man klar und deutlich: „Wenn Sie der echte wären, schon.“

Es ist ein Jammer, dass von angeblich 300 Stunden dokumentarischem Material so wenig in den Film einging, weil offenbar die Prioritäten anders lagen. Dabei hatte David Wnendt mit „Feuchtgebiete“ bewiesen, dass man bei Bestseller-Adpationen auch experimentelle Wege gehen kann. In den inszenierten Szenen von „Er ist wieder da“ kann es dagegen leider nicht bieder genug zugehen.

Als sich der Mann, der sich „der Führer“ nennt, bei einem freundlichen Kioskbesitzer (Lars Rudolf) einnistet, dessen blindes Zutrauen sich nicht wirklich erklärt, beginnt der Film den komödiantischen Ton anzuschlagen, der ihn die nächsten zwei Stunden im Wesentlichen bestimmt. Und das ist eine erschreckend harmlose Zeitreise-Geschichte um einen wunderlichen Mann, der nicht ohne Schmäh das R rollt und sich darüber wundert, wie dünn etwa heutige Fernsehapparate sind. Dafür braucht man keinen Hitler.

Wenn er im Folgenden, angeleitet durch einen tumben Fernsehjournalisten (Fabian Busch), antritt, das Privatfernsehen für Propagandazwecke zu erobern, wird die nächste Schublade deutscher Komödien-Konfektion geöffnet: die Mediensatire. In der von Katja Riemann beachtlich geradlinig und pointenfrei gespielten Senderchefin entdeckt der Diktator außer Dienst eine Nachfahrin Leni Riefenstahls. Ihr Wille ist Adolfs Triumph: Schon hat er dem Hauskomiker des Senders die Show gestohlen. Der heißt Michael Witzigmann (Michael Kessler) und ist auch ohne seinen Stargast peinlich: Mit Blackface-Make-up imitiert er Barack Obama.

Dem Privatfernsehen traut diese Satire jede Geschmacksverirrung zu, als hätte das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht inzwischen viele ähnliche Formate. Immerhin war es ARD-Literaturkritiker Dennis Scheck, der 2013 in seiner Sendung mit schwarz geschminktem Gesicht für Empörung sorgte.

Trotz zahlreicher Gastauftritte von Roberto Blanco bis Frank Plasberg und einer Riege von Youtube-Stars gelingt es dem Film nicht, Hitlers Medienruhm plausibel zu machen. In diesen quälend langen Sequenzen, die fraglos witzig sein wollen, gibt es einfach nichts zu lachen. Da war Helmut Dietls „Schtonk“ 1991 schon wesentlich weiter. Aber Produzent Oliver Berben glaubt, im deutschen Kino mit einer Hitler-Satire Neuland zu betreten: „Bislang kamen die witzigen, anarchischen und polarisierenden Satiren über Hitler nur aus dem Ausland. Aber unsere Generation ist nun so weit, Europa und der Welt zu zeigen, dass derartige Filme auch in Deutschland entstehen können.“ Hören wir da vielleicht auch ein wenig befremdlichen Nationalstolz heraus?

Bevor am deutschen Komödienwesen jedenfalls noch die Filmwelt genesen muss, kann man sich erinnern an Christoph Schlingensiefs „Hundert Jahre Hitler – Die letzte Nacht im Führerbunker“ der seinerseits auf Syberbergs wahrlich polarisierende Groteske „Hitler – Ein Film aus Deutschland“ Bezug nahm. Und auch Dani Levys umstrittene und wirklich nicht makellose Komödie „Mein Führer“ mit Helge Schneider wagte sich sehr viel weiter vor. Ja, er ist wieder da. Aber andere waren eben auch schon da.

Er ist wieder da. Deutschland 2015. Regie: David Wnendt. 116 Min.

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