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„Einsamkeit und Sex und Mitleid“ Reigen der Beziehungslosigkeit

Lars Montags „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ ist ein Feel-Bad-Movie erster Güte.

Bauder und Löbau
Gemeinsam einsam, hier: Eugen Bauder und Eva Löbau. Foto: x-Filmverleih

Eine der jüngeren Attraktionen zur mentalen Lockerung gestresster Großstadtmenschen sind sogenannte Crash-Rooms, liebevoll gestaltete Interieurs, in denen man mit dem Baseballschläger kaputt machen kann, was einen kaputt macht. Eine solche Einrichtung betreibt Ecki (Bernhard Schütz), der vor kurzem noch Lehrer war. Sehr gern würden Büroeinrichtungen gewählt, erklärt er Robert (Rainer Bock), als dieser bei ihm reinschaut. Robert jedoch entscheidet sich für das Kinderzimmer. Wütend drischt er auf das Gitterbettchen ein, wozu man wissen muss, dass er gerade von seiner Frau (Maria Hofstätter) erfahren hat, sie sei schwanger, obwohl er sich schon vor Jahren sterilisieren ließ, wovon sie nichts ahnt.

Ecki wiederum ahnt nichts davon, dass Roberts älteste Tochter Sventja (Großartig: Lilly Wiedemann) für seine eigene Wut verantwortlich ist, die er einmal an der Theke eines Supermarktes auslebt, als dort die von ihm begehrten „Wurstabschnitte“ nicht vorrätig sind. Sventja, hoch pubertär, hatte ihn nämlich beschuldigt, sie sexuell bedrängt zu haben, was ihn seine Anstellung gekostet hat. Und wenn man jetzt noch erzählt, dass der Marktleiter kürzlich von seiner Frau Julia (Eva Löbau) verlassen wurde und darum nun über ein Datingportal ... Nein, das hört nie auf.

Lars Montags Kinofilmdebüt „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ ist ein wunderbar deprimierender, zwei Stunden langer Reigen der Beziehungslosigkeit. Jeder hängt über eine dramaturgische Ecke mit jedem zusammen und ist trotzdem allein. Wer sich mal so richtig runterziehen lassen will, muss diesen Film sehen. Ein Feel-Bad-Movie erster Güte. Der Regisseur, bisher für lichte Fernsehunterhaltung wie die Kluftinger-Krimis bekannt, offenbart bei dieser Verfilmung des gleichnamigen Romans von Helmut Krausser seine dunkle Seite.

Für die Bearbeitung des Stoffes, dessen Figurenensemble sich von dreißig Charakteren auf zwölf reduziert hat, waren Krausser und Montag im Fach Drehbuch für den Filmpreis nominiert. Der ging ja dann an „Toni Erdmann“, aber wie die Autoren ihre Geschichten in der Adaption reigenhaft verhaken und verhäkeln, das ist schon toll.

Die Stories gehen fließend ineinander über, sie erlauben sich Umwege und Abkürzungen, mal gabeln sie sich, dann finden sie wieder zusammen. Gemeinsam mit seinem Kameramann Mathias Neumann kommt Montag bei der Bildgestaltung der einzelnen Episoden immer wieder zu originellen Lösungen, um Kälte, Entfremdung, Selbsthass, Isolation zu veranschaulichen. Wenn etwa Robert als Body-Art-Modell einmal komplett im Kunstwerk aufgeht und somit als Individuum verschwindet, ist das ein trauriger Anblick.

Vielleicht zeichnet Lars Montag sein Bild einer kranken Gesellschaft etwas zu perfektionistisch, aber er tut es nicht ohne Empathie für sein gestörtes Personal. Und nicht ohne Irrwitz. So würdelos die Situationen sein mögen, in die diese Leute geraten, so komisch sind sie meistens auch. Zumindest mit seinen Ängsten, Zwängen, Komplexen und Neurosen bleibt niemand allein. Wenn das kein Trost ist.

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