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„Einmal bitte alles“ Das ganz normale Chaos des Jungseins

In „Einmal bitte alles“ widmet sich Regisseurin Helena Hufnagel der Generation Y und dem Erwachsenwerden im 21. Jahrhundert.

„Einmal bitte alles“
Gut gelaunt zu zweit, trotz des Chaos des Jungseins. Foto: filmschaft maas & füllmich GmbH

Isi schaut sich im Spiegel an. Die Enttäuschung steht ihr ins Gesicht geschrieben, auf ihrer Stirn hängt ein gelber Sticker mit schwarzen Buchstaben: defekt. Das ist längst keine Metapher mehr. Isi (Luise Heyer) ist die Protagonistin im ersten Feature der Regisseurin Helena Hufnagel „Einmal bitte alles“. 

Für sie läuft gar nichts rund. Als Praktikantin kocht sie in einem Verlag Kaffee für Menschen, die nicht an sie glauben. Die tagtägliche Bloßstellung nagt an ihr, denn sie ist Mitte zwanzig und träumt davon, Illustratorin zu werden. Der Durchbruch blieb trotz schöner Zeichnungen bisher aus, und, schlimmer noch, ihre beste Freundin und Mitbewohnerin Lotte (Jytte-Merle Böhrnsen) findet einen gutaussehenden Italiener, mit dem sie nachts lautstark Sex hat, während nebenan schwarzer Schimmel von der Decke auf Isi bröckelt. Lotte wird nicht nur in der Liebe fündig, sondern sie findet kurzerhand auch einen Job als Journalistin beim Magazin „Vegan Mums“. Sie wird, könnte man sagen, „erwachsen“. 

Im Kontrast dazu muss Isi sich – vom Schimmel verjagt – eine neue Bruchbude suchen. Das ganz normale Chaos des Jungseins. Generation Y, oftmals auch Generation why genannt, hat es nicht einfach. Sie wurde zu hohen Ansprüchen erzogen und ist einer Vielfalt an Möglichkeiten ausgesetzt, die es bisher nicht gab. Gleichwohl lebt sie im Spätkapitalismus befristete Arbeitsverhältnissen und endlose Praktika-Ausbeutung inklusive. Eine schlechte Kombination.

Der Charme des Unwissens darüber, dass man jung ist

Jedenfalls klopfen Isis Eltern an: Es ist Zeit, das Kinderzimmer auszuräumen und im Leben „anzukommen“, statt den ganzen Tag Katzenvideos auf Youtube zu schauen und dauernd pleite zu sein. Zwischen alledem hört Isi sich das Hörbuch „Die Schönen und Verdammten“ von F. Scott Fitzgerald (gelesen von Jessica Schwarz) an. Die Verdammung des Jungseins, seine Vergänglichkeit. Der exquisite Charme des Unwissens darüber, dass man jung ist. Fitzgerald und die melancholische Indie-Musik von We are Modular verleihen „Einmal bitte alles“ so etwas wie poetische Anmut. 

Jeffrey Arnett hat im Jahre 2000 den Begriff des „Emerging Adulthood“ geprägt, das Entwickeln oder „Auftauchen“ des Erwachsenseins, einer neuen menschlichen Entwicklungsphase, nämlich die Zeit zwischen dem Teenagerdasein und dem Erwachsenenstadium. Sie zeichnet sich durch einen späteren Eintritt in die finanzielle Unabhängigkeit und die spätere Gründung einer eigenen Familie aus, aber auch durch Identitätssuche und Verwirrung. 

Psychologen streiten sich über die wissenschaftliche Anerkennung dieser Phase, da sie eine Art Geist des privilegierten Westens zu sein scheint: In Entwicklungsländern ist die Entschleunigung des Erwachsenwerdens und die einhergehende „Quarter-Life-Crisis“ weniger zu beobachten. „Einmal bitte alles“ zeigt Isi bei ihren Bemühungen, aus der Orientierungslosigkeit dieser Phase rauszukommen.

Der Film überzeichnet die Arbeitswelt leicht. Sie kann wohl knallhart sein, ist es aber auch nicht immer dermaßen. Man verzeiht es dem Film jedoch gern, weil er eine angenehm frische Sicht auf die Anstrengung des späten Coming-of-Age bietet: die bitteren Veränderungen, die Freundschaften unterlaufen können, wenn sich Lebensverhältnisse ungleichzeitig ändern, oder der Individuationsprozess, das Bedürfnis nach Abgrenzung ebenso wie Zusammengehörigkeit, die das Jahrzehnt zwischen zwanzig und dreißig entscheidend prägen. 

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