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„Eine gefangene Frau“ Eine filmische Grenzüberschreitung

Bernadett Tuza-Ritters „Eine gefangene Frau“ dokumentiert die Befreiung einer modernen Sklavin.

„Eine gefangene Frau“
Marisch bei der Arbeit, für die sie fast nichts, jedenfalls kein Geld bekommt. Foto: Partisan Filmverleih

Dokumentarfilme sind immer Eingriffe in die Wirklichkeit. Indem sie Bilder aus der Realität entnehmen, manchmal sagt man dazu stehlen, setzen sie diese für den Betrachter neu zusammen. Der politische Dokumentarfilm tut dies in der Hoffnung, dies nicht nur auf der Leinwand zu tun. Er will auch die Gesellschaft, die er zeigt, wie an einem Schneidetisch ein kleines Stück verändern. Indem er zum Beispiel auf ihre Missstände aufmerksam macht. Darüber hinaus können Dokumentarfilme natürlich auch all das, was Spielfilme können: Sie können emotional berühren und ästhetisch wirken, unterhalten und verstören.

„Eine gefangene Frau“ macht all das und  noch etwas mehr. Dieses Porträt einer Frau, von der wir erst allmählich begreifen, dass sie bei einer Familie als moderne Sklavin lebt, gehört zu einer besonderen Art von Dokumentarfilm, dem „Kino der Interventionen“. Dieses „interventionalist cinema“ versucht, schon beim Filmen in das Gezeigte einzugreifen. In diesem Fall in einen unglaublichen, aber keineswegs außergewöhnlichen Fall von Ausbeutung. Der sachte und zurückhaltende Ton, die leisen, erklärenden Monologe der Protagonistin haben etwas Konspiratives. Daraus entsteht unterschwellige Spannung: Wann wird der Ausbruch gelingen?

Der jungen ungarischen Regisseurin Bernadett Tuza-Ritter kam die Filmidee, als sie eine Frau traf, die damit angab, in ihrem Haushalt nicht arbeiten zu müssen. Die 53-jährige Marisch besorge das für sie. Für den armseligen Schlafplatz auf einer Couch, für etwas Zigarettentabak und ein paar Lebensmittel. Warum sie das tut, und warum sie ohne die Hilfe der Filmemacherin ihre Situation nicht ändern kann, erzählt der Film mit größtem Respekt für seine Protagonistin.

Ein System aus Schuld und Angst

Es gibt im ungarischen Kino seit längerem eine ganz besondere visuelle Kultur. So wie der Filmemacher Benice Fliegauf in semidokumentarischen Spielfilmen wie „Just the Wind“ oder der Oscar-Gewinner László Nemes („Son of Saul“) arbeitet auch Tuza-Ritter mit dem Unsichtbaren. Die Sklavenhalterin ist zum Beispiel nie im Bild zu sehen. Wäre dies nicht ein Stück düstere Wirklichkeit, man würde den Filmstil poetisch nennen. Eine moderne Aschenputtel-Variante ohne Aussicht auf ein Wunder.

Einmal hört man im Hintergrund Glas zerbrechen. „Wir schieben das einfach auf Marisch“, sagt eines der Kinder. Warum kümmert sich diese trotzdem wie eine Verwandte um sie, während ihre 16-jährige Tochter in einem Kinderheim leben muss? Selbst das Geld, das sie neben der Hausarbeit noch in einer Fabrik verdient, immerhin 550 Euro, wird von der Ausbeuterin einkassiert. Auch die Filmemacherin zahlt dieser Frau namens Eta Geld für ihre Anwesenheit.

Womit Eta ihre Sklavin genau in der Hand hat, offenbar ist es ein System aus Schulden und Angst vor Misshandlung, wird nicht ganz klar. Die Schamlosigkeit, mit der die Hausherrin sogar einen Film darüber erlaubt, spricht jedoch für sich. Ein Unrechtsbewusstsein hat sie nicht, und selbst der Vertrag, den sie mit Marish abgeschlossen hat, gilt offenbar der Polizei nicht als sittenwidrig. Das Phänomen moderner Sklaverei ist bekannt und wurde von der NGO Walk Free Foundation für das Jahr 2016 weltweit auf 45,8 Millionen Betroffene geschätzt. Auch wenn Franz Beckenbauer nach einer Katar-Reise bezeugen mochte: „Ich habe keinen einzigen Sklaven gesehen. Die laufen dort alle frei herum.“

Marischs Rettung ist eine filmische Grenzüberschreitung. Die Regisseurin wird zu ihrer einzigen Vertrauten. Sie ermuntert sie zur Flucht, die sie zugleich als ihre eigene Kamerafrau filmt. Selten hat man erlebt, dass ein einzelner Mensch einen so komplexen Film realisieren kann, in der Montage wird er zum großen Leinwanddrama. Bei der nächtlichen Fluchtszene erlaubt sich Tuza-Ritter sogar Filmmusik – für einen Moment zitiert sie die Konventionen eines Mainstream-Thrillers. Entspricht das noch den Standards dessen, was gern als „dokumentarische Ethik“ beschworen wird?

Wie jede Avantgarde überwindet auch das „interventionalist cinema“ eine Grenze. Was dieses bemerkenswerte Debüt indes respektiert, sind die Grenzen von Scham und Respekt. Auch wenn sie in der Gesellschaft, die es zeigt, längst verloren scheinen.

Eine gefangene Frau. Ungarn 2018. Regie: Bernadett Tuza-Ritter. 93 Min.

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