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„Ein deutsches Leben“ Lieber hat sie nicht zugehört

„Ein deutsches Leben“: Eine Dokumentation über Goebbels’ Sekretärin Brunilde Pomsel faszinierte beim Jerusalemer Filmfestival.

„Man wird es mir nicht glauben“, sagt Brunhilde Pomsel. Foto: 2016 Blackbox Film & Medienproduktion

Ihre Haut ist zerfurcht wie ein ausgedörrter, rissiger Lehmboden. Zu Beginn kreist die Kamera so extrem nah um dieses Gesicht, dass es fast wie das eines Reptils wirkt. Dabei ist Brunhilde Pomsel im Kopf erstaunlich aufgeweckt für ihr betagtes Alter. 105 Jahre alt ist sie jetzt, 103 war sie während der Dreharbeiten für den Dokumentarfilm „Ein deutsches Leben“, in dem sie, einst Goebbels’ Sekretärin, von ihrer Zeit als winziges Rädchen im Machtgetriebe der Nazis erzählt.

Vom Holocaust will sie in den Jahren, in denen sie für den Reichspropagandaminister bis zum bitteren Ende im Führerbunker arbeitete, nichts mitbekommen haben. „Man wird es mir nicht glauben“, sagt sie an einer Stelle, aber sie habe davon nichts gewusst und erst nach dem Krieg von den Gaskammern und Krematorien erfahren. Persönlich fühle sie sich auch nicht schuldig, jedenfalls keinen Deut mehr als das gesamte deutsche Volk, das Hitlers Machtübernahme zuließ. „Das waren wir alle, einschließlich mir.“

Es ist die Geschichte einer Mitläuferin und Opportunistin, der ihr beruflicher Aufstieg über alles ging und die ansonsten wegschaute. Für Politik habe sie sich nicht weiter interessiert. Recht anschaulich schildert sie zwar, wie Joseph Goebbels sich binnen Sekunden von einer zivilisierten Person in einen geifernden Schreihals zu verwandeln vermochte. Aber nicht mal bei seiner Rede im Sportpalast, in der Goebbels den „totalen Krieg“ forderte, habe sie wirklich zugehört.

Über ihre jüdische Freundin: „Eva war eine von uns“

Überzeugte Antisemitin war sie wohl nicht. Nur ging ihr der eigene Vorteil über alles. Ihrer jüdischen Freundin Eva Loewenthal bedeutete Brunhilde Pomsel zu warten, damit sie sich selbst in die lange Schlange einreihen konnte, um sich in die NSDAP einzuschreiben. Danach ging sie mit ihr Kaffeetrinken. Ein loser Kontakt zwischen den beiden blieb, bis Pomsel 1942 in Goebbels’ Büro befördert wurde.

„Eva war eine von uns.“ Wenn sie ausgingen, habe immer einer aus der Clique das Bier für Eva, die nichts mehr verdiente, auf seine Rechnung genommen. Doch sich nach dem weiteren Schicksal ihrer jüdischen Freundin zu erkundigen, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde, fiel Pomsel erst ein halbes Jahrhundert später ein, als sie bei einem Besuch in ihrer Geburtsstadt Berlin das Stelenfeld und die Gedenkstätte besichtigte.

„Ein deutsches Leben“ – zwei Stunden dauert die Dokumentation, die bereits beim Filmfest in München und jetzt beim Jerusalemer Filmfestival lief. Gleich vier österreichische Regisseure haben mitgewirkt. „Es gibt so viele Fallen bei einem solchen Werk“, sagt einer von ihnen, Florian Weigensamer. „Es war gut, dass wir uns immer wieder gegenseitig korrigieren konnten.“ Der eigentliche, radikale Filmcharakter entstand am Schneidetisch. Zwischen die ausgewählten Sequenzen aus dreißig Stunden Interviewmaterial wurden Goebbels-Zitate und Archivaufnahmen des Holocaust-Museums in Washington und des Steven-Spielberg-Videoarchivs eingeblendet. Leichenberge, Skelettgestalten, die sich bei der Befreiung der Konzentrationslager kaum noch auf den Beinen halten können, die stumpfen, fassungslose Blicke der Deutschen, die von den alliierten Soldaten gezwungen werden, endlich wahrzunehmen, was in ihrem Namen geschah – diese Bilder bilden den harten Kontrast zu Pomsels erstaunlich artikuliertem, aber meist fürchterlich harmlos-alltäglich klingendem Redefluss.

Der Film ist konsequent in Schwarz-Weiß gedreht, verzichtet auf jegliche musikalische Untermalung. Er verstört, nicht etwa, weil er neue historische Erkenntnisse bietet, sondern weil er den Zuschauer mit einer hochaktuellen Frage nach der persönlichen Verantwortung für das politische Zeitgeschehen konfrontiert.

Auch im israelischen Publikum kommt sie in der Diskussion nach der Vorführung auf. Er habe den Film kaum ertragen können, „weil auch bei uns zu viele gerne wegsehen“, bekennt ein älterer Herr. „Es ist ein großartiger Beitrag zur Erinnerung an den Holocaust“, meint ein anderer Mann, der mehrere KZs überlebt hat.

„Ich könnte keinen Widerstand leisten“, sagt Goebbels’ Sekretärin im Film, „ich bin zu feige“. Ihr ging der Job vor, ihr Wohlstand, ihr Pflichtgefühl gegenüber den Vorgesetzten, das Bedürfnis dazuzugehören. Ein durchaus menschliches Verhalten. Hut ab vor dem, der von sich mit Sicherheit behaupten kann, er hätte nicht mitgemacht.

Pomsel hat mitgemacht und verbüßte dafür fünf Jahre russische Gefangenschaft im umfunktionierten Lager Buchenwald. Ihre Karriere ging anschließend weiter. Als Sekretärin beim Südwestfunk und später als rechte Hand des ersten ARD-Koordinators.

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