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Dokumentation Zug um Zug

Carolin Schmitz zeigt ihren Zuschauern im Dokumentarfilm „Porträts deutscher Alkoholiker“ keine Moral. Sie bedient sich lieber der Schönheit des Unscheinbaren.

In der sanften Kunstlicht-Sachlichkeit leerer Büroräume: genügend Verstecke für die Flaschen. Foto: Fugu Films

Da war der lesefreudige Alkoholiker, der sich mit der Sucht auf seine Art arrangiert hatte. Bereits um halb neun legte er sich gemütlich mit einem Buch und einer Flasche ins Bett, bis er feststellte, dass er kaum noch den Geschichten folgen konnte. Er löste das Problem, indem er nur noch Bücher wählte, die er schon kannte.

Oder der Besitzer eines Ladens, der nur bis sechs Uhr abends offen hatte, damit er es noch in den Supermarkt schaffen konnte. Für den Fall, dass sich ein Kundengespräch nicht rechtzeitig beenden ließ, verabschiedete er sich mit einem Stapel leerer Briefumschläge zur Post – und kam dann heimlich mit dem flüssigen Einkauf zurück.

Die Doppeldeutigkeit der verschwommenen Bilder

Es ist eine traurige Faszination, die von den Bekenntnissen ausgeht, die Carolin Schmitz für ihren Film „Porträts deutscher Alkoholiker“ zusammengetragen hat. Sie erzählen von den sich langsam verengenden Spiralen jener Sisyphos-Handlungen, die heimliche Trinker für sich erfinden. Von diesen Zwängen auf der Tonspur eines Kinofilms zu erzählen, der ihre Gesichter gar nicht zeigt, scheint ihnen gut zu tun. Was immer der Alkohol diesen Menschen genommen hat – ein Pleitier erzählt davon, wie unmöglich es ihm anfangs erschienen war, dass man ein Erbe von 200?000 Euro tatsächlich vertrinken könne – der Galgenhumor ist ihnen geblieben. Und so vergisst auch der Zuhörer dieses erstaunlichen Kinofilms die Scham, zum akustischen Voyeur zu werden.

Die Filmemacherin bebildert die Geschichten mit weiten Einstellungen, die oft nur sehr lose mit dem Erzählten verbunden sind. Die Erwähnung eines Modelleisenbahntunnels als Versteck für eine Schnapsflasche zum Beispiel inspiriert die leise Einfahrt eines ICEs. Und wenn sich die Szene dann noch weiter fortsetzt, wenn längst von etwas ganz anderem die Rede ist, gewinnt sie weitere Bedeutungen dazu. Wie viele Gläschen hat man nicht selbst an einem Zugfenster geleert, während ein friedliches Deutschland an einem vorübergezogen ist. Zug um Zug?

Heimlich und offen trinken

Wie jeder Dokumentarfilm, der etwas taugt, ist „Porträts deutscher Alkoholiker“ auch ein künstlerischer Film. Hier ist der Kunstanteil allerdings besonders hoch. Die langen Einstellungen, die meist von ruhigen Kamerabewegungen belebt werden, so genannten „traveling shots“, haben Vorbilder in der zeitgenössischen Fotokunst mit ihrer Vorliebe für das Unscheinbare. An den Amerikaner Lewis Baltz etwa erinnert die sanfte Kunstlicht-Sachlichkeit leerer Büroräume, die Schmitz mit der Ansicht einer Kegelbahn verschneidet. In stumpfer Mechanik finden die Kegel ein ums andere Mal wieder auf ihren Platz. So wie sich die Alkoholiker in ihren Geschichten mit bewundernswertem Mut immer wieder aufrappeln. Es sind beides Orte, an denen getrunken wird, an ersteren heimlich, an letzteren offen und herzlich.

Wie eine gute Therapeutin ist Schmitz eine perfekte Zuhörerin, aber keine Moralistin. Auch wenn die zerstörerischen Folgen des Alkoholismus’ stets mitschwingen, handeln die Geschichten doch vom Leben mit der Sucht, vom Weitermachen. „Ich habe gearbeitet bis zum Umfallen“, erklärt ein Mann, der mitten in der Nacht auf seinem Bürostuhl aufwachte. Den Blick auf die Flasche empfand er dabei als durchaus tröstlich: Schien doch der verbliebene Rest zu belegen, dass es wohl die Arbeit gewesen sein musste, die ihm so zugesetzt habe.

Die Form dieses Dokumentarfilms ist nicht ganz neu. Vor fünf Jahren illustrierte der Dokumentarfilmer AJ Schnack in seinem Film „ Kurt Cobain About a Son“ auf ähnliche Weise ein Tonband-Interview des verstorbenen Nirvana-Sängers Kurt Cobain. Der Verzicht auf Kamerabilder ihrer anonymen Alkoholiker ist auch ein Statement gegen die „Anonymisierung“ in Fernsehreportagen. Was die wunderbaren Bilder stattdessen porträtieren, ist nicht weniger als ein ganzes anonymes Deutschland.

Portraits deutscher Alkoholiker, Regie: Carolin Schmitz, Deutschland 2009, 81 Minuten.

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