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Dokumentation Stasi-Opfer und IM-Täter

In ihrem neuen Dokumentarfilm "Vaterlandsverräter" widmet sich Annekatrin Hendel Paul Grazik. Der DDR-Schriftsteller war jahrelang Informant der Staatssicherheit, ehe er selbst zum Opfer des Überwachungsapparats wurde.

20.10.2011 12:39
Anke Westphal
Paul Gratzik Foto: dpa

In ihrem neuen Dokumentarfilm "Vaterlandsverräter" widmet sich Annekatrin Hendel Paul Grazik. Der DDR-Schriftsteller war jahrelang Informant der Staatssicherheit, ehe er selbst zum Opfer des Überwachungsapparats wurde.

Sofort ist man hellwach, als der Alte loslegt. Die Frau solle aufhören mit ihren „scheiß-westdeutschen Filmfragen!“ schimpft er. Natürlich möchte man wissen, was das eigentlich für Fragen sind, die den Mann da so aufbringen. Er trägt ein weißes Hemd mit Krawatte und dazu einen Hut, obwohl Sommerhitze herrscht. Ein bisschen ist er auch eine Diva, eigen und mit der Tendenz zur Egozentrik, aber das wird erst später klar. Zu Beginn von „Vaterlandsverräter“, dem neuen Dokumentarfilm von Annekatrin Hendel, nimmt man zunächst nur den zornigen, noch nicht den widersprüchlichen Menschen wahr. „Ich hab kein Gewissen, und ich hab keine Moral – jedenfalls nicht eure“, zürnt Paul Gratzik.

So jemand wie er ist ein Glücksfall für jeden Filmemacher: ein Protagonist mit einer Biografie, in der Geschichte anschaulich wird. Der 1935 geborene Gratzik, Sohn eines ostpreußischen Knechts, war Tischlerlehrling in einem Volkseigenen Betrieb (VEB), später Erzieher und dann einer der DDR-Arbeiterschriftsteller, die zu Bekanntheit gelangten. Er war aber auch lange, von 1962 bis Anfang der 1980er-Jahre, Informant der Staatssicherheit – darauf zielen die Fragen, die ihn zu Anfang des Films so wütend machen. 1983 outete er sich bei Freunden, Bekannten und Kollegen, meist vom Theater, selbst als IM „Peter“, weil er aussteigen wollte aus „der Firma“ – und zwar wegen des „Vaterlandsverrats“ der Funktionäre an den Menschen in der DDR. Außerdem war er psychisch am Ende. Dass er durch seine Selbstenttarnung für die Staatssicherheit als Kader „verbrannt“ war, nahmen ihm die Genossen außerordentlich übel. Gratzik wurde selbst überwacht. Seine Opfer-Akte umfasst mehrere Ordner.

Der wunde Punkt des Verrats

Ein komplizierter Fall – so ein DDR-Leben; es gab da auch die bekannteren Beispiele Christa Wolf und Heiner Müller. Mit letzterem war Paul Gratzik befreundet – wie auch mit den DDR-Schauspielern Günter Schubert und Ursula Karusseit. Die beiden gehören zu den Weggefährten, die sich nun erinnern an Gratzik, wie er damals war: jung, gut aussehend, charismatisch. Die damals schon alte und sehr einflussreiche Schauspielerin Steffie Spira machte ihn zu ihrem Liebhaber. „Gigolo“ nennt es Gratzik und erzählt, Spira habe ihn immer wieder vom Turm des Freibads Pankow ins Becken springen lassen, um sich an seinem schönen Körper zu erfreuen. Die Erinnerung daran behagt ihm offensichtlich.

Auch Gratziks Führungsoffizier spricht vor der Kamera. Wer einen Eindruck davon gewinnen will, was die DDR-Staatssicherheit als Apparat möglich machte, also was für ein Typ Mensch dort arbeitete, der sollte sich diesen Film anschauen. Geradezu ein Denkmal für das ebenso unerschütterliche wie dumpfe Klassenbewusstsein ist dieser Fühtrungsoffizier! Der Film kehrt immer wieder zurück zum wunden Punkt des Verrats an den Vertrauten; er fasst dabei aber konsequent Weiterführendes, Systemisches ins Auge und zwar sowohl was die offizielle DDR-Kultur als auch die Subkultur im „ersten sozialistischen deutschen Staat“ angeht. Wie Schriftsteller regelrecht gemacht wurden, sieht man hier am Beispiel Sascha Anderson, noch so ein Dichter mit Stasi-Vergangenheit. Und Paul Gratziks größter literarischer Erfolg, der Roman „Transportpaule“, konnte nur erscheinen, weil Gratziks Führungsoffizier dies durchsetzte – quasi als Belohnung für die Spitzeldienste. Die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandlung im Ministerium für Kultur der DDR, nichts anderes als eine Zensurbehörde, hatte dem Autor zuvor die Druckerlaubnis verweigert.

Als das fördert dieser Film, der mehr das Psychogramm eines extremen Menschen als ein Porträt ist, zutage. Und er hält einen bis zum Schluss in Atem – auch wenn die Regisseurin ihre Keckheit und ihr Wissen mitunter etwas unangenehm in der Vordergrund stellt. Das sei ihr nachgesehen. Denn Annekatrin Hendel lässt ihr widerborstiges Gegenüber auch einfach bei sich selbst sein, ohne es korrigieren zu wollen. Eine solche Geschichte haben wir so noch nicht erzählt bekommen.

Vaterlandsverräter Dtl. 2011. Buch & Regie: Annekatrin Hendel.102 min.

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