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Dokumentation Insel der Seligen

Heinz Brinkmanns feinsinniger, konfliktscheuer Film über Usedom.

Usedom
„Usedom - Der freie Blick aufs Meer“: Die Bilder des Kameramanns Thomas Plenert geraten mitunter etwas zu malerisch. Foto: Salzgeber

Das Entree zu diesem Film über Usedom ist einem als Sommergast auf der Insel leider sehr vertraut. Stau auf der B 110 von Anklam, die Zecheriner Brücke hochgeklappt. Als hätten sie dort genug von den Badegästen. Am Strand liegen sie Handtuch an Handtuch. Wer den freien Blick aufs Meer genießen will, muss seinen Platz früh besetzen, wie Dietmar Spiller, der seit 1952 am FKK-Strand von Bansin liegt, wie er scherzt, dem Jahr seiner Geburt. „Hier kriegt mich keiner weg, ist doch das Paradies.“ Spiller war in diesem Revier als Eisverkäufer tätig, selbstverständlich nackt, wie eine Rückblende bezeugt. Kurz nach der Wende hatte er zu denen gehört, die Heinz Brinkmann in seinem ersten Beitrag über Usedom porträtierte.

Jetzt kehrt der Berliner Dokumentarfilmer dorthin zurück, um zu schauen, was aus den Leuten und ihrer Insel geworden ist – die ja auch seine Insel ist. In Heringsdorf wurde er 1948 geboren, in Bansin ging er zur Schule, machte Abitur, in Stolpe lernte er Landmaschinenschlosser, bevor er 1968 an die Hochschule nach Potsdam-Babelsberg ging.

Die Szene mit dem Eismann gibt die Erzählhaltung in Brinkmanns Dokumentarfilm „Usdeom – Der freie Blick aufs Meer“ vor. Es herrscht ein freundlicher Ton, selbst wenn es um problematische Seiten dieser Insel geht, die viele Leute selig macht, wo man aber auch jenen begegnet, vor denen man aus Berlin geflohen ist, wie Alfred Kerr einmal bemerkte. Damals, in der Zeit der alten Ansichtskarten, die Heinz Brinkmann schon als Kind faszinierten. Irgendwann habe er sich gefragt, wo auf den Postkarten die Menschen zu sehen seien, „die das schöne Leben für die Gäste möglich machten.“ Woher sie kamen und wie sie lebten, das hat ihn beschäftigt und tut es noch heute.

Die Polin Izabela Jarych kommt aus Stettin, ihr Mann fährt zur See. Sie arbeitet als Empfangsdame im Ahlbecker Hof, dem besten Haus am Platz, und wohnt mit ihren Töchtern jenseits der Grenze in Swinemünde, in einer schönen Wohnung, die sie sich von ihrem Verdienst leisten können. Der Biobauer Karl Mattes kommt aus Rostock, hat in den 90ern Landwirtschaft studiert und sich vor einigen Jahren die Insel Görmitz im Achterwasser gekauft, ein Kindheitstraum.

Dort sind jetzt vor allem seine Galloway-Rinder zu Hause. Johannes Richter kommt aus Berlin und startet von Peenemünde zu einem Segeltörn um die Welt. Es gibt viele, die nach Usedom kommen, um hier auf ihre Art heimisch zu werden. Und es gibt die, die schon immer da waren. Was zu Konflikten führt, um die es im Film mit den mitunter etwas zu malerischen Bildern des Kameramannes Thomas Plenert erstaunlich wenig geht. „Ich wünsche mir mehr Platz und tolerantere Menschen“, sagt ein Gast. Er spricht vom Hundestrand. Von Toleranz ist öfter die Rede.

In der besten Tradition des Defa-Dokumentarfilms interessiert sich Brinkmann für Lebensgeschichten, es sind Geschichten, in denen sich Geschichte spiegelt – oder bricht. Wie bei Ernest Bruno, dem polnischen Azubi in Ahlbeck, dessen Großeltern nach dem Krieg aus dem Osten nach Swinemünde umgesiedelt wurden. Auf die Frage, welche Unterschiede zwischen Deutschen und Polen ihr auffallen, antwortet seine Mutter: „Die Deutschen sind toleranter.“ Heinz Brinkmann redet nicht über die Leute, sondern hört ihnen zu, achtet auf Zwischentöne, er macht sich seine Gedanken und lädt dazu ein, ihnen zu folgen.

Das Usedomer Geschäftsmodell aus Sommer, Sonne, Strand und Meer funktioniert wie geschmiert, aber die Grenzen des Wachstums – und auch der Toleranz – sind längst erreicht. Der freie Blick zum Meer ist in den Bädern lange nicht für jeden zu haben und das Hinterland ist schon jetzt durch scheußliche Investorenarchitektur verbaut. Zu denen, die davon nicht genug bekommen können, zählt der Immobilienmakler Mathias Hasbargen, an sich kein unsympathischer Mann, der mit seinem Oldtimer über die Insel kurvt und seinen Kunden nicht nur teure Wohnungen andrehen will, sondern auch das, was er für ein tragfähiges Lebensgefühl hält: „Usedom ist geil.“

Und zwar so geil, dass die AfD bei der Bundestagswahl auf Usedom ihr bestes Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern erreichte, in manchen Ecken über 40 Prozent. Brinkmann hat sich dazu entschieden, in der Montage seines Films, auf politische Aussagen zu verzichten. Weil er eben keinen AfD-Film machen wollte, wie er in einem Interview gesagt hat. Aber das ist auch keine Lösung.

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