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Dokumentarfilm über NS-Mediziner Schuld und Schönreden

"Wenn Ärzte töten" von Hannes Karnick und Wolfgang Richter wirft einen Blick auf ehemalige Nazi-Ärzte. Wie konnten sie mit ihrer Schuld leben? Eine Studie über Verdrängungs-Mechanismen. Von Daniel Kothenschulte

Robert Jay Lifton ist ein US-amerikanischer Psychiater und Autor. Foto: Wikipedia

Die menschliche Fähigkeit, Dinge ins Positive zu wenden, ist bekanntlich gespenstisch. "Ich bin glücklich, dass ich jetzt Kinder auf die Welt bringen kann", war eine Antwort, die der US-amerikanische Psychohistoriker Robert Jay Lifton mehr als einmal hörte, als er in den 1970er Jahren ehemalige Nazi-Ärzte in Deutschland besuchte. Die Frage zu dieser Antwort hatte freilich den Leben gegolten, die sie vernichtet hatten.

Der Dokumentarfilm "Wenn Ärzte töten" appelliert an die Vorstellungskraft. Es ist einfach gesagt, die Greueltaten der Nazi-Zeit seien unvorstellbar. Tatsächlich kann man sich eine Menge vorstellen, wenn Dokumentationen die Vorstellungskraft nicht leichtfertig mit Bildern zudecken. Der Film folgt dem Vorbild der Arbeiten Claude Lanzmanns, die auf Archivmaterial verzichteten und auf die Kraft des Wortes setzten.

Die Filmemacher Hannes Karnick und Wolfgang Richter nehmen sich Zeit, Lifton einzelne Aspekte in Ruhe vor einer statischen Kamera entwickeln zu lassen. Wie empfanden es die Ärzte zum Beispiel, Kinder zu töten? "Ich glaube, dass es den Medizinern leichter gefallen sein kann, ein Leben zu beenden, das sich noch nicht voll entfaltet hatte als das eines Erwachsenen", kommentiert der Psychologe einen weiteren, gespenstischen Euphemismus, den er mehrfach hörte. Da kam es dem Arzt "eher vor, als hätte ich nur die Kinder zum Schlafen gebracht".

"Wenn Ärzte töten", Trailer. Deutschland 2009.

Allein durch die Kraft des Wortes und behutsamer, nachdenklicher Ausblicke in die Landschaft hinter Liftons Arbeitszimmer führt dieser bemerkenswerte Film in die Geisteswelt der mordenden Ärzte. Um die Reise zu erleichtern, beginnt die Schilderung mit einer Zugfahrt in die gesättigten siebziger Jahre in Deutschland. Ein braungebrannter Mediziner, gerade zurück vom Ski-Urlaub, trifft sich mit Lifton am Bahnhof. Alle NS-Ärzte, die der Forscher besuchte, lebten in wohlhabenden Verhältnissen. Wer mit der Nazi-Ideologie rational gebrochen hatte, konnte sich etwa an Konrad Lorenz orientieren, der einen Nobelpreis bekommen hatte.

Es ist sicher kein Zufall, dass Karnicks und Richters schon 2008 fertig gestellter Dokumentarfilm zum Beginn des Demjanjuk-Prozesses in die Kinos kommt. Denn neben der Dimension des Verbrechens geht es ja beim Verfahren in München auch immer um eine andere Ungeheuerlichkeit: Das Weiterleben mit der unerkannten Schuld. Wie man sich das vorstellen muss: Darin gibt dieser Dokumentarfilm einen vorzüglichen Einblick.

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