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Dokumentarfilm "Nostalgie des Lichts" Wüste der Erinnerung

In der endlosen Atacama-Wüste in Chile blickt die Wissenschaft seit fünf Jahrzehnten mit großen Teleskopen in den Himmel, der Filmemacher Patricio Guzmán erklärt die Arbeit der Astronomen und blickt gleichzeitig auf die Geschichte der Wüste.

Ein altes Foto auf dem toten Boden der Atacama-Wüste. Foto: Real Ficton Film

Für den jungen Astronomen Gaspar passiert nichts in der Gegenwart. Selbst wenn es nur Tausendstelsekunden sind, die uns von dem trennen, was geschehen ist, so ist es doch Vergangenheit. In der Astronomie ist das ein Allgemeinplatz, und wie aus der Pistole geschossen kann er sagen, wie lange das Mondlicht zu uns reist: Etwas mehr als eine Sekunde. Das der Sonne: acht Minuten.

Film ist immer Vergangenheit. Schon die ersten Kinozuschauer von 1895 mussten diesen Schreck erst einmal verdaut haben. Was sie lebendig vor sich sahen, war bereits passiert, auch wenn nur ein paar Wochen vergangen sein mochten, seit die Brüder Lumière ihre Kamera auf einen Bahnsteig gestellt hatten, um die Einfahrt eines Zuges zu filmen. Vielleicht wäre das weniger erstaunlich gewesen im Bewusstsein, dass man mit allem, was man sieht, in der Zeit zurückblickt.

Ein wunderbarer Essayfilm über dieses ureigene Kinothema entstand in Chile, und schon mit dem Titel könnte man auch eine Geschichte der Filmkunst überschreiben: „Nostalgia de la Luz“; „Nostalgie des Lichts“. Gedreht hat ihn ein Altmeister des politischen Dokumentarfilms, der heute siebzigjährige Exil-Chilene Patricio Guzmán.

1973 drehte er den fünfstündigen Dokumentarfilm „Die Schlacht um Chile“ über Salvador Allende. Nach dem Militärputsch wurde er im Fußballstadion von Santiago eingekerkert und gefoltert, bis ihn die Flucht über Kuba und Spanien schließlich nach Frankreich führte.

Als unendlich friedlich, wenn auch fern der Welt, schildert er dagegen in den ersten Bildern seines Films das Chile seiner Jugend, an das ihn eine erhaltene Sternwarte erinnert. In der endlosen Atacama-Wüste im Norden des Landes blickt die Wissenschaft seit fünf Jahrzehnten mit den weltgrößten Teleskopen in den Himmel, und man tat es auch dann, als man der politischen Gegenwart nicht ins Auge blicken konnte.

Ist es Sternennebel oder einfach Staub, der vor Guzmáns Kamera tanzt und kosmische Panoramen generiert? Während der Filmemacher die Arbeit der Astronomen als Weltraum-Archäologie erklärt, schweift sein Blick immer wieder in die Wüste, die die hochmodernen Teleskope umgibt.

Frauen um die Siebzig durchstreifen sie auf der Suche nach Knochenfunden. Es sind Angehörige der Pinochet-Opfer, und sie durchforsten den steinigen Boden mit bloßen Händen nach Massengräbern, von denen niemand weiß, wo sie sich befinden. In dieser toten Landschaft, die man schon aus dem Weltraum als braunen Fleck erkennt, verscharrte das Terrorregime seine Gegner. Und um die Spuren zu verwischen, grub man die Leichen häufig wieder aus und deponierte sie woanders.

Im Kommentar des Regisseurs, der in seiner knappen Sachlichkeit eine eigene, präzise Poesie entwickelt, erscheinen Astronomie und Geschichtsarbeit plötzlich als ein und dasselbe. Unwillkürlich denkt man an Claude Lanzmans „Shoah“, das die Erinnerungskultur nachhaltig beeinflusste. Auch Guzmán findet in Landschaftsbildern Räume für das Unvorstellbare.

In der Wüste begegnet er nicht nur Weltraum-Archäologen. Der Gedächtnisarchitekt Miguel überlebte in der Diktatur fünf Konzentrationslager. Nun rekonstruiert er sie zeichnerisch aus der Erinnerung. Und die Ruinen der Lager selbst zeugen noch von einer weiteren Geschichte. Die Pinochet-Regierung hatte sie gar nicht bauen müssen, sie waren bereits da: Als Überreste der Sklavenarbeit, die im 19. Jahrhundert in den Salpeterminen verrichtet wurde.

Doch noch weiter zurück reicht die Boden-Archäologie in dieser Wüste, die Guzmán wie ein metaphorisches Zeitenmeer erschließt: Noch immer findet man hier Mumien aus der Zeit von Christoph Columbus. Strukturiert hat der Filmemacher sein Werk mit Ausblicken ins All, wie sie die Teleskope generieren. Auch Miguel erlernte in der Lagerhaft die Grundkenntnisse in Astronomie, denn der Blick in die fernste Ferne hielt die innere Freiheit am Leben.

Nein, nostalgisch, sind die Suchenden in „Nostalgie des Lichts“ wirklich nicht. Besser übersetzt wäre das spanische Wort mit Sehnsucht. Sie gilt der Vergewisserung der Vergangenheit. Ob die nun Jahrmillionen zurückliegen mag und auf den Ursprung des Alls schließen lässt oder nur Erkenntnisse birgt über das Schicksal der Tausende, die unter Diktator Pinochet spurlos verschwanden und nie wiederkamen.

Nostalgie des Lichts, Regie: Patricio Guzmán, Chile/Deutschland/Spanien/Frankreich 2010, 90 Minuten.

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