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„Die Spur“ Expeditionen ins Tierreich

Die Hollywood-Regisseurin Agnieszka Holland kehrt mit der Komödie „Die Spur“ zum polnischen Kino zurück.

Die Spur
Die Idylle trügt: Agnieszka Mandat als Duszejko und Miroslav Krobot als Boros. Foto: FilmKinoText/dpa

„Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen“, heißt der bekannte Satz aus dem Hollywoodklassiker „Casablanca“, von Krimiautoren erwarten wir in der Regel weniger erwartbare Auflösungen. Wenn die polnische Regisseurin Agnieszka Holland indes am Ende ihres Tierschützer-Krimis „Spoor“ die Katze aus dem Sack lässt, mag sich Agatha Christie im Grab umdrehen. 

Nach und nach wird der gesamte Jagdclub eines Bergstädtchens Opfer einer Mordserie. Man muss des Jägerlateins nicht mächtig sein, um das Tapsen der Nachtigall bis dahin lautstark zu vernehmen. Es geht um eine radikalisierte Tierfreundin, die sich in idyllischen Waldeshöhen am Lieblingszeitvertreib ihrer Nachbarn abarbeitet. Als plötzlich ihre Hunde verschwinden, nimmt es die alte Dame als Kriegserklärung. Doch wie weit vermag sie in ihrer Wut zu gehen?

Der Spielort nahe der tschechischen Grenze könnte die Kulisse für zahllose Märchenfilme abgegeben haben, doch in dieser makaberen Geschichte sagen sich Fuchs und Hase höchst unfreiwillig Gute Nacht. Possierlichen Tieraufnahmen stehen so realitätsnahe Kadaverbilder gegenüber, dass man ernstlich daran zweifeln kann, ob denn überhaupt bei den Dreharbeiten wenigstens der Tierschutz hochgehalten wurde.

Agnieszka Mandat-Grabka, eine Veteranin des polnischen Films, spielt diese Frau, deren einziger Name Duszejko lautet, wie eine wehrhafte Frau Holle. Schrullig, böse aber auch liebenswert genug, dass sich im Verlauf der Geschichte gleich zwei Männer glaubhaft für sie interessieren. Diese romantische Nebenhandlung ist weit plausibler erzählt als die kriminologische, und sie scheint auch der Regisseurin viel mehr Spaß zu machen. Ein Schäferstündchen zwischen Duszejko und dem erfolgreicheren ihrer Verehrer, dem durchreisenden Entomologen Boros, verschneidet sie mit einer hübschen Montage kopulierender Insekten. 

Gerne würde man die spannungslose Krimihandlung vollständig ignorieren, doch sie nimmt sich leider dafür dann doch zu ernst. Immerhin wurde ein Kriminalroman verfilmt, dessen übersetzter Titel keinen Zweifel daran lässt, in welche Richtung die Geschichte geht: „Fahren Sie Ihren Pflug über die Knochen der Toten“.

Wie in einem schlechten „Tatort“ bringt die Geschichte immer neue Nebenfiguren ins Spiel und lässt viele der eröffneten  Handlungsstränge gleichwohl arglos im Schnee verlaufen. Sympathisch immerhin ist der böse Blick, den Agnieszka Holland, die nach zahlreichen US-Fernsehfilmen dem heimatlichen Kino einen Besuch abstattete, auf die Provinz wirft. Auf der vergangenen Berlinale wirkte ihr launiger Ton freilich nicht unbedingt einer internationalen Konkurrenz würdig. Sollte dieser bemüht augenzwinkernde Heimatfilm etwa das Beste gewesen sein, was derzeit vom bis vor kurzem blühenden polnischen Kino zu ernten ist? Es wäre ungerecht, ihn bereits als Ausdruck eines Wandels in der polnischen Kulturpolitik zu sehen, den Holland besonders offen kritisiert. 

Der nationalistischen Regierungspartei PiS war der polnische Oscar-Gewinner „Ida“ bekanntlich ein Dorn im Auge. Längst wurde auch die staatliche Filmförderung mit der Regierungspolitik gleichgeschaltet. Agnieszka Holland, die neben „Hitlerjunge Salomon“ noch zwei weitere Filme über den Holocaust drehte, verglich in Berlin die gegenwärtige Situation in Polen mit den jüngsten Entwicklungen in den USA. „Ich bin mit den historischen Umständen vertraut, die zum Holocaust führten, und ich weiß, dass die menschliche Natur zu sehr schlimmen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Lage ist“, sagte sie in einem Zeitungsinterview. „Ich erkenne deutliche Parallelen zwischen der geistigen und politischen Situation in den dreißiger Jahren und heute.“

Wer bewundern möchte, zu welchen Höchstleistungen die polnische Filmindustrie noch fähig ist, wird derzeit eher bei „Loving Vincent“ fündig. Die meisterhaften Animationen dieser internationalen Koproduktion entstanden in polnischen Ateliers. Der größte Kahlschlag findet derzeit nicht in den polnischen Wäldern statt. Es ist die traditionell hoch stehende polnische Filmkunst, der man derzeit die Flügel stutzt.

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