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„Die Schöne und das Biest“ Das Biest vom Broadway

Walt Disney hätte das Remake von „Die Schöne und das Biest“ gehasst.

„Die Schöne und das Biest“
Emma Watson und das Biest. Foto: dpa

Zauber“, dieses Lieblingswort in der Selbstdarstellung des Disney-Konzerns, beinhaltet bekanntlich Verwandlung. Und am liebsten erprobt Disney seine Verwandlungskünste an seinem Zeichentrickklassiker „Die Schöne und das Biest“ von 1991. Erst wurde 1994 ein Bühnenmusical daraus, dann erweiterte man den Originalfilm 2002 um eine Szene, nur um später wieder den Ur-Zustand herzustellen – aufbereitet in 3D. Und nun, gut ein Vierteljahrhundert nach der Weltpremiere, folgt die jüngste Verwandlung: Aus dem Bühnenmusical ist wieder ein Film geworden – allerdings mit menschlichen Darstellern in Kombination mit Computeranimationen.

Es ist schon eine erstaunliche Chimäre. Wie das Tier in seiner Mitte, dieser verwunschene Prinz mit der Geert-Wilders-Frisur, ist es nicht Fisch noch Fleisch. Aus 84 zauberhaften Trickfilmminuten sind 130 Operettenminuten geworden. Und nicht wenige davon verbringen wir damit, uns zu wünschen, dass Disneys Verwandlungsfee gleich noch einmal zuschlüge. Und wieder Zeichentrick daraus machte.

Emma Watson, die der gezeichneten Belle kein bisschen ähnlich sieht, ist gar nicht das Problem. Durchaus glaubhaft verflucht sie als weltgewandte Leseratte ihre provinzielle Heimat. Sicher, wenn ein ganzer Dorfchor singt, sie sei die Schönste, mustert man unwillkürlich das tanzende Statistenheer. Sollte es in dieser bonbonbunten Ortschaft wie aus dem Bilderbuch wirklich niemand an Hübschheit mit Harry Potters „Hermine Granger“ aufnehmen können? Doch es stimmt – die Casting-Abteilung hat offensichtlich Mühe darauf verwendet, genau diesen Eindruck zu erwecken und allzu attraktive Bewerberinnen um eine Statistenrolle gleich nach Hause zu schicken.

Dafür erkennen wir in Luke Evans’ kantiger Männlichkeit sofort den brutalen Dorfdeppen Gaston aus dem Zeichentrickfilm wieder. Doch schon in diesen Szenen stimmt etwas nicht. Walt Disney, dieses Kind aus dem Mittleren Westen der USA, hätte niemals die Provinz so pauschal verteufelt. Das passt eher zu versnobten New Yorker Musical-Produzenten. Offenbar aber wird einem Urbanität in die Wiege gelegt: Später in der Geschichte wird kurz in die Zeit von Belles Geburt zurückgeblendet. Am Pariser Montmarte erblickte sie das Licht der Künstlerwelt. Man ahnt schon, wohin nach dem Happy-End die Hochzeitsreise gehen wird. Doch bis es dazu kommt, müssen wir noch ein paar Mal mit Wehmut an Walt Disneys Erbe denken.

25 Jahre nach seinem Tod war es den Machern von „Die Schöne und das Biest“ 1991 gelungen, an seine Erfolgsformel anzuknüpfen. Und zugleich die sterbende Kunst des Animationsfilms zurück zu alten Höhen zu führen. Heute ist das Papier des Trickfilms Makulatur, sind die Zeichentische Antiquitäten. Nichts gegen Computeranimation, die schon in der Ballsaalszene des alten Films zum Einsatz kam. Doch diese digital aufgepeppte Theaterverfilmung verhöhnt förmlich Disneys Erbe, indem sie die Anmut des Zeichentricks für obsolet erklärt. Gerade weil sie meint, sich daran messen zu können.

Und auch über eine andere Disney-Tugend setzt sich der von Bill Condon inszenierte Film leichtfertig hinweg – die der erzählerischen Ökonomie. Für Walt Disney und seine Nachfolgegeneration war es wichtig, dass Songs die Handlung weiterführten und nicht unterbrachen. Hier halten die zusätzlichen Lieder quälend auf. Ein Beispiel ist die larmoyante Ballade, die das Biest ausgerechnet im dramatischen Moment anstimmt, als Belle aus seinem Schloss geflohen ist – „If I Can’t Love Her“. Nach der opernhaften Darbietung, die uns immerhin im Hintergrund die ganze nächtliche Schlosskulisse präsentiert, gibt es in der Bühnenfassung einen Aktschluss. Doch der Film geht nahtlos weiter und lässt das Biest hastig der von Wölfen bedrohten Belle zu Hilfe eilen. Da fragt man sich natürlich: Warum dann erst noch singen? Walt Disney hätte diese dramatische Verzögerung gehasst – auch im Blick auf die Kinder im Publikum.

Selbst ein todsicherer „Showstopper“ wie das Ballett zum Lied „Be Our Guest“ des Kandelabers Lumière wirkt seltsam beliebig. Weder gibt es grandiose Animation zu bestaunen noch ein virtuoses Live-Ballett. Dennoch wirkt das digital animierte Mobiliar immerhin noch lebendiger als seine menschlichen Darsteller, in die es am Ende zurückverwandelt wird.

Die ganze Enttäuschung, die dieser Film weckt, war nicht unbedingt zu erwarten; Robert Strombergs „Dornröschen“- Nacherzählung „Maleficent“ und Kenneth Branaghs „Cinderella“-Hommage hatten Disneys Serie von Realfilm-Remakes fulminant eröffnet. Auch das neue „Dschungelbuch“ besaß eine Qualität in seiner unerwarteten Düsternis, und „Elliot, der Drache“ ist sogar ein richtig guter Kinderfilm. Das Scheitern von „Die Schöne und das Biest“ jedoch liegt im falschen Respekt vor der Theater-Version, der man sklavisch folgen wollte – und die Chance verspielte, etwas Eigenes zu schaffen. Um Walt Disney das letzte Wort zu geben: Remakes und Fortsetzungsfilme waren ihm verhasst. Seine Selbstanklage über zwei glücklose Fortsetzungen der „drei kleinen Schweine“ ging als geflügeltes Wort in die Studio-Annalen ein: „Man kann Schweine nicht mit Schweinen übertreffen.“ Und Biester eben nicht mit Biestern.

Die Schöne und das Biest. Regie: Bill Condon. USA 2017. 123 Min.

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