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„Die rote Schildkröte“ Robinson soll nicht sterben

Der niederländische Filmkünstler Michael Dudok de Wit hat im japanischen Studio Ghibli ein Meisterwerk geschaffen: „Die rote Schildkröte“.

„Die rote Schildkröte“
Und wenn die Geschichte von der kleinen Meerjungfrau doch gut ausgegangen wäre? Im stillen Paradies des Trickfilms „Die rote Schildkröte“. Foto: Universum Film

Heutige Trickfilm-Blockbuster lassen gerne vergessen, dass die eigentliche Poesie des Mediums in der Kürze liegt. Viele der besten Cartoons sind kaum länger als acht Minuten. So lang wie „Father and Daughter“, jener Kurzfilm, der zum ersten Trickfilmklassiker dieses Jahrtausends wurde. In Bleistift, Tusche und Aquarell erzählte Michael Dudok de Wit darin in so einfachen Bildern von Leben und Tod, das wohl niemand, der diesen Film seither sah, ihn wieder vergessen kann: An der holländischen Küste trennt sich ein Vater von seiner Tochter. Diese kehrt über die Jahre immer wieder an diesen Ort das Abschieds zurück, den sie mit dem Fahrrad ansteuert.

Das Leben als Radfahrt im Gegenwind – vielleicht kann nur ein Holländer mit dieser einfachen Metapher so glaubhaft hantieren. Verstanden wurde das zarte Linienspiel vor wolkigen Aquarell-Weiten indes auf der ganzen Welt. In Hollywood bescherte es de Wit im Jahr 2001 den verdienten Oscar, die wichtigsten Trickfilmfestivals gewann er sowieso; doch den schönsten Preis erhielt er wohl in Japan: Das Studio Ghibli, einer der wenigen Orte, wo man auch grandiose Trickfilme erschaffen kann, die länger dauern als acht Minuten, gab dem Künstler eine „carte blanche“. Etwas traurig aber war diese Einladung schon: Nach dem Rückzug von Hausherr Hayao Miyazaki sind auch hier die Tage des handgemachten Zeichentricks gezählt; dies ist die erste europäische Koproduktion des Traditionsstudios. Anderseits – wie könnte man diese Kunstform besser am Leben erhalten als zehn Jahre in ein spätes Meisterwerk zu investieren?

Kaum ein langer Animationsfilm wurde von Liebhabern mit größerer Vorfreude erwartet als „Die rote Schildkröte“. Aber eigentlich ist er gar kein langer Film, selbst wenn er 80 Minuten dauert. Wie in seinen Kurzfilmen verzichtet de Wit auf jeden Dialog, wieder erzählt er in einfachen, aber vieldeutigen Bildern über Leben und Tod. Doch der plötzliche Luxus der vielen Zeit scheint ihm stets bewusst: Wie ein Komponist bei seiner ersten Sinfonie nutzt er jede Sekunde, um sein einfaches Motiv stets ein wenig weiter zu vertiefen. Ein Schiffbrüchiger strandet auf einer tropischen Insel, und wie die meisten Robinsons will er gleich schon wieder weg. Er baut sich aus Bambus ein Floß nach dem anderen, doch alle werden sie nach wenigen Metern auseinander gerissen.

Schließlich erkennt er in einer roten Riesenschildkröte die Vereitlerin seiner Ausbruchspläne. Wütend schlägt er auf sie ein, dreht sie auf den Rücken, was ihm bald darauf leid tut – doch da ist es schon zu spät: Die Schildkröte ist verendet, doch aus ihrem Panzer entweicht in der Nacht eine junge Frau, fraglos eine Nachfahrin der „kleinen Meerjungfrau“.

Seit das Disneystudio Andersens Märchen mit einem Happy-End versah, hat die Trickfilmwelt daran etwas gutzumachen; allen voran das Studio Ghibli, das schon in „Ponyo“ der bedingungslosen Menschliebe eines Wasserwesens huldigte. In der unschuldigen Liebesgeschichte, die sich hier zwischen dem Gestrandeten und der Naturschönheit anbahnt, sind die Verlockungen der Zivilisation bald vergessen. Das Paar bekommt einen Sohn, überlebt einen Tsunami und legt sich ansonsten jede Nacht an den Strand zum Träumen. In diesen Momenten weichen die erdigen Aquarellfarben dem Schwarzweiß von Kohle und Graphit. Schön zu wissen, das auch in einem märchenhaften Leben noch Platz für surreale Träume ist. Tatsächlich aber gleicht der sanfte Fluss der gesamten Erzählung bereits einem Traum, was für sich genommen schon eine kostbare Filmerfahrung ist.

In Cannes, wo „Die rote Schildkröte“ letztes Jahr den Spezialpreis der Sektion „Un Certain Regard“ erhielt, wusste das Publikum die Konsequenz zu schätzen, mit der diese Vision sich präsentierte. Es war einer der radikalsten Autorenfilme im ganzen Festival – und das in einer Kunstform, die meist schon wegen der Arbeitsteiligkeit des Herstellungsprozesses Kompromisse heraufbeschwört.

In den meisten Fällen, wenn Trickfilmkünstler vom Kurz- zum Langfilm wechseln, verwandelt sich Lyrik wohl oder übel in Prosa; bewährte Genre-Dramaturgien sollen dafür sorgen, dass der gesteigerte Aufwand auch ein entsprechendes Publikum findet. De Wit ist dagegen bei der Poesie geblieben. „Das wahrhaft Phantastische ist alterslos“, hat Walt Disney einmal gesagt, „denn es repräsentiert einen Flug in eine Dimension jenseits der Zeit.“ Auch wenn der Stil dieses Films alles andere als „Disney“ ist – wie Disney in seinen Märchenfilmen hat auch de Wit sorgsam alle Gegenwartsbezüge aus seinem Film heraus gehalten. Ebenso wie explizite Nacktheit, was schon ein Kunststück ist bei einer Adam-und-Eva-Geschichte.

Das einzige Zivilisationsprodukt, das in diesem Film auftaucht, ist eine angespülte Flasche. Sie allein reicht aus, in dem Sohn des Paares den Wunsch zu wecken, die Insel zu verlassen. Drei Schildkröten eskortieren den mutigen Schwimmer, und er wird nicht weiter vermisst, wenn das Paar – wie schon in de Wits Kurzfilm – von Szene zu Szene um Jahre altert. Es ist schon ein asketisches Lebensideal, das der Filmemacher hier feiert, aber man darf auch nicht vergessen, das Animatoren von Natur aus geduldige Menschen sind.

Was man dabei freilich vermissen kann, ist der Stachel, der so vielen ähnlichen Märchen eigen: Kann es wirklich gut gehen, wenn sich Zauberwesen an Sterbliche verlieren? Und wie weit mag man sich in den simplen Geschlechterrollen der Geschichte einrichten, dieser Dualität vom ruhelosen Mann, der erst bei einer mütterlichen Frau Ruhe findet? Doch so archaisch das auch ist, dieser Gegenentwurf zur Genesis, bei dem erst nach dem Sündenfall das Paradies beginnt – vom ersten bis zum letzten Bild sehen wir ein betörendes Kunstwerk von einem Film.

Auch in der Geschichte des Studio Ghibli hat diese Parabel ihren Platz: Nicht anders als „Nausicaä“ und „Prinzessin Mononoke“ steht auch „Die rote Schildkröte“ für den Traum einer Einheit von Mensch und Natur. Besonders adäquat aber sind diesmal die technischen Mittel: Bescheidener als mit Bleistift und Aquarellfarbe lässt sich kaum vom asketischen Leben erzählen. Wie ein Mönch muss de Witt all die Jahre daran gemalt und gezeichnet haben.

 

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