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Die Nonne Schönheit muss leiden

Prächtig und ein wenig dekadent: Denis Diderots Roman "Die Nonne" als lichtdurchflutetes, aber zwangsläufig auch scheinheiliges französisches Ausstattungsdrama.

Ambivalente Lage: Bedrängt von Isabelle Huppert. Foto: Verleih

Nonnenfilme sind ein Genre für sich. Wie viel der Blick hinter Klostermauern mit der heterosexuell-männlich geprägten Schaulust des Kinos zu tun hat, erkennt man schon daran, dass es keinen vergleichbaren „Mönchsfilm“ gibt.

Schon in der Stummfilmzeit posierten weibliche Filmstars gerne im Nonnengewand für Postkarten, genossen das ovale Passepartout, das ihren schönen Gesichtern eine zeitlos-puristische Anmut verlieh. Im moralisch konservativen Hollywood der Nachkriegszeit erlebte das Gerne dann seine wahre Blüte: Die schönste Gläubige war wohl Audrey Hepburn in „Die Geschichte einer Nonne“.,

Nonnenfilme verlangen nach Großaufnahmen, schwelgen meist in einer nur vorgeblich entsexualisierten Schönheit. Denn auch wenn das Klosterleben begehrliche Blicke auf die Heldinnen in Schranken hält – spätestens wenn die Stars von der Leinwand strahlen, ist es damit vorbei. Je tragischer die Geschichten, desto kinogerechter erscheinen sie uns, denn – auch das ist ein Gesetz des Kinos – Schönheit muss ja schließlich leiden.

Guillaume Nicloux’ Drama „Die Nonne“ rückt die heimlich-pornographische Natur des konventionellen Nonnenfilms gerade deshalb ins Bewusstsein, weil er sich ganz einem scheinbar unakzentuierten Naturalismus verschreibt. Schließlich folgt man ja der Vorlage von Denis Diderot, der in seinem erst posthum erschienenen Roman „La religieuse“ die Leidensgeschichte einer jungen Frau namens Suzanne Simonin erzählte, die von ihren Eltern zum Lebens als Ordensschwester gezwungen wird. Nachdem sie zunächst auf eine verständnisvolle Oberin trifft, wird sie danach zum Opfer einer sadistischen Äbtissin. Durch die gesamte Hierarchie des Klosters zieht sich ein auswegloses Netz aus Scheinheiligkeit, aus Intrigantentum und aus religiösem Fanatismus.

In offenen, für einen Klosterfilm überraschend lichtdurchfluteten Bildern zelebriert Nicloux die Leidensgeschichte in einer Art schwelgerischer Zurückhaltung. Auch im Minimalismus kann sich ja ästhetischer Überschuss, ja sogar manchmal eine gewisse Dekadenz verbergen – man denke nur an die Architektur einer gerade heftig umstrittenen deutschen Bischofsresidenz.

„Die Nonne“ ist ein Augenschmaus. Schon der Trailer prahlt mit einer nicht wirklich dramaturgisch notwendigen Nacktszene der begabten Neuentdeckung Pauline Etienne. Die Besetzung der sadistischen Äbtissin mit Louise Bourgoin, einem der schönsten französischen Filmstars der Gegenwart, ist ein weiterer sehr bewusster Schauwert dieses Films. Bei aller Zurückhaltung hat die Leidensgeschichte zugleich etwas von einer sich steigernden Nummernrevue, strukturiert durch den Wechsel der Oberinnen, die sich an Suzanne abarbeiten.

Die letzte Episode feiert dann folgerichtig den Auftritt der wohl bedeutendsten Schauspielerin Frankreichs, Isabelle Huppert. Als lesbische Supérieure Saint Eutrope gibt sie allerdings ein so vielschichtiges Bild des unterdrückten Begehrens, dass sie den Film ein wenig aus dem Automatismus seiner schematischen Wirkungssicherheit befreit.

„Die Nonne“ ist ein Film über Scheinheiligkeit, aber es ist auch ein Stück weit selbst ein scheinheiliger Film. Und das nicht, weil es im Nonnenfilm nicht anders möglich wäre. Es gibt ja schon eine klassische Verfilmung des Romans in einem heute noch immer imponierendem Purismus – mit Anna Karina in der Hauptrolle und der unterschätzten Liselotte Pulver. Jacques Rivette gelang sie im Jahre 1966.

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