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„Die Grundschullehrerin“ Die Welt als Schule

Pädagogen werden ihn lieben: Der französische Film „Die Grundschullehrerin“ von Hélène Angel ist eine Eloge auf diesen Beruf.

Die Grundschullehrerin
Übung zum „schriftlichen Beitrag“. Die Bezeichnung „Aufsatz“ ist mittlerweile verpönt. Foto: Jean-Claude Lother

In diesem Film von Hélène Angel geht es um eine kranke Institution: die Schule. Er spielt irgendwo in Frankreich, aber es hätte auch Deutschland sein können. Im Mittelpunkt steht die über die Maßen engagierte Lehrerin Florence, gespielt von der ungeheuer dünnhäutigen Schauspielerin Sara Forestier, die jedes Gefühl höchst wirkungsvoll allein mit ihrem Gesicht spielen kann, den Augen, dem Mund. Der Film ist größtenteils als Kammerspiel angelegt. Florence wohnt nicht nur in einer Lehrerwohnung in der Schule, sondern sie unterrichtet ihren Sohn auch noch als Klassenlehrerin. Ihre Welt ist die Schule, nicht nur in einem übertragenen Sinn. 

Im Unterricht kämpft die Grundschullehrerin mit bekannten Schwierigkeiten, unkonzentrierten Schülern, die nicht stillsitzen können, Lehrmethoden, die ihr fragwürdig vorkommen. In der Klasse gibt es eine Schülerin, die nicht lesen kann, und es gibt das behinderte Mädchen Charlie – Inklusion auch im Nachbarland. Die Referendarin von Florence will hinwerfen, weil sie Angst vor den Schülern hat. Die Diskussion, die sich eines Tages im Lehrerzimmer entspinnt, zeigt einen frustrierten Berufsstand, der noch dazu schlecht bezahlt wird. Und dass es auch in Frankreich Quereinsteiger gibt. 

Sie alle regen sich darüber auf, dass sie nicht mehr von „Wissen“ sprechen dürfen, sondern von „Kenntnissen“, nicht mehr von „Aufsatz“, sondern von „schriftlichem Beitrag“. Hier holt die Regisseurin dann ein wenig zu weit aus, lässt ihre Protagonisten die Reformen als Versuch beschimpfen, aus der Schule eine Vorbereitungsraum auf die neoliberale Wirtschaftswelt zu machen. Das mag sein, ist aber durch das Gezeigte nicht belegt. Bewegung kommt in diese Welt, die so klein wirkt und so groß ist, als eines Tages Sacha in der Klasse geparkt wird. Bald stellt sich heraus, dass seine Mutter ihn seit Wochen allein lässt, um es mit dem soundsovielten Mann zu probieren. Es ist der zweifelhafte Geruch, über den sich sein Sitznachbar mit kindlicher Grausamkeit beklagt, der die Erwachsenen auf die Spur setzt.

Sachas Mutter und Florence sind zwei entgegengesetzte Pole in der Welt der Mütter, die eine kümmert sich zu wenig, die andere ist überengagiert und vergisst dabei sich selbst. Hélène Angel zeigt, wie schwierig die Balance von Halten und Lassen ist, die ein Liebender zustande bringen muss, wenn die Beziehung gelingen soll. 

Ohne jede Ironie, aber voller Emotionen  nähert sich die Regisseurin ihrem Thema. Das wirkt manchmal arg mit Zuckerguss überzogen, zumal die Kinder alle unglaublich niedlich sind. Mehrfach wird im Unterricht der berühmte erste Satz aus Dickens’ Roman „David Copperfield“ zitiert: „Ob ich mich in diesem Buch zum Helden meines eigenen Lebens entwickeln werde oder ob jemand anders diese Stelle ausfüllen soll, wird sich zeigen.“ 

Zum Helden seines eigenen Lebens werden, darum geht es, das wünscht Florence ihren Schülern und auf diesen Weg begibt sie sich selbst. Wer ist Lehrer, wer Lernender? Dieser Film zeigt, dass im besten Fall diese Rollen auch einmal durcheinandergeraten. Lehrer werden ihn lieben. Die Berufsbezeichnung wird in diesem Film wieder zum Ehrentitel. 

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