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„Die Frau, die vorausgeht“ Druckt die Legende

Susanna Whites Biopic „Die Frau, die vorausgeht“ reduziert die Begegnung zwischen der Malerin Caroline Weldon und Sitting Bull auf eine halbherzige Romanze.

Der Film "Die Frau, die vorausgeht" kommt Donnerstag in die Kinos
Mehr Ausstrahlung, als es das Drehbuch verdient: Jessica Chastain und Michael Greyeyes. Foto: epd

Es gehört zu den nur scheinbaren Widersprüchen des Kolonialismus, dass er gerne verklärt, was er vernichtet. Besonders deutlich wird dies am Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern, deren systematisch zerstörte Lebenswelt parallel von bedeutenden Malern und Fotografen festgehalten wurde. In der Ikonographie des Western fand im Zwanzigsten Jahrhundert beides zusammen, die populistische Heroisierung der Verbrechen von Politik und Kavallerie und die untergegangene Schönheit ihrer chancenlosen Gegner. 

Das eindrucksvolle Finale von John Fords Spätwestern „Cheyenne“, der Exodus des verelendeten indigenen Volkes in die Bildflucht, ist ein nachgestelltes Foto von Edward S. Curtis, „Die verschwindende Rasse“. Curtis, der seine ethnographische Fotografie mit kommerzieller Arbeit finanzierte, wusste, dass sich sein trauriges Thema nur mit einem Überschuss an Schönheit verkaufen ließ. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Auch mehr als hundert Jahre nach Edward S. Curtis kann man in den USA offensichtlich nicht ohne Verklärung von der Vernichtung der indianischen Kulturen sprechen. Und offenbar gleichzeitig nicht ohne eine heroische weiße Hauptfigur. 

Die britische Regisseurin Susanna White erzählt von der Begegnung Sitting Bulls, des legendären Häuptlings der Hunkpapa-Lakota-Sioux, mit der Bürgerrechtlerin und Malerin Caroline (hier: Catherine) Weldon 1889. Der deutsche Filmtitel erklärt diese „Die Frau, die vorausgeht“ zur Hauptfigur, während der Originaltitel, „Woman Walks Ahead“ einem Dialog mit Sitting Bull entnommen ist. 

Tatsächlich wäre Caroline Weldon, die 1921 vergessen und verarmt starb, allemal ein eigenes Biopic wert, doch an dieser historischen Figur ist hier niemand wirklich interessiert. 

Parallelisierung ungleicher Opferrollen

Auf den ersten Blick scheint es darum zu gehen, die Unterdrückung der Indianer und den Kampf um Frauenrechte auf einer Ebene zu erzählen. Diese Parallelisierung ungleicher Opferrollen wäre problematisch genug, doch die politische Biographie ihrer Heldin ist Susanna White und Drehbuchautor Steven Knight nicht geheuer. In ihrer Geschichte ist die Aktivistin, die längst vor ihrer Begegnung mit Sitting Bull der National Indian Defense Association beigetreten ist, in erster Linie Malerin. Nach dem Tod ihres Mannes reist sie mit dem Zug ins Dakota-Territorium, um ein Porträt des Häuptlings zu malen. Dafür bietet sie ihm die für damalige Zeiten unvorstellbare Summe von 1000 Dollar als Honorar. 

In Wirklichkeit war Weldon geschieden und reiste mit einem unehelichen Kind, doch so ein Lotterleben ist im Zeichen eines wieder erstarkten Konservatismus wohl nicht mehr vermittelbar. Lieber suggeriert Susanna White eine schon damals unterstellte romantische Beziehung, die sich wie auf dem Filmplakat angedeutet in abendlichen Ausritten entfaltet. Tatsächlich war Sitting Bull keineswegs alleinstehend, sondern nahm Caroline Weldon und ihr Kind bei seiner Familie auf. Bei jedem Punkt, den man mit den historischen Tatsachen abgleicht, muss man sagen: Das wäre doch der bessere Film gewesen.

In der Tat malte sie vier Porträts, von denen zwei erhalten sind, vor allem aber unterstützte sie Sitting Bull im Widerstand gegen die weitere Verkleinerung des Reservats. In der Tat steckte ein großer Film in dieser historischen Begegnung, doch alles, was White daraus gewinnt, ist ein schwacher Abglanz der Neo-Western-Romantik von „Der Pferdeflüsterer“. Wieviel politische Aktualität steckt in dieser Geschichte, und wie faszinierend wäre es gewesen, sie allein dadurch herauszuarbeiten, dass man bei den Tatsachen geblieben wäre.

Deutlich jünger und attraktiver als ihre historischen Vorbilder, füllen Jessica Chastain und Michael Greyeyes die Leinwand mit mehr Ausstrahlung, als es das Drehbuch vielleicht verdient. Auch die Drehorte in New Mexico spielen ihre Rollen glaubhaft, wenn sie für die imposanten Weiten North Dakotas einspringen. Das bescheidene Budget von fünf Millionen Dollar reichte noch für ein paar Drehtage mit Sam Rockwell, der als rassistischer Colonel einfach seine Rolle aus „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ weiterspielt. 

Am Ende der 101 Minuten ist sogar das malerische Vermächtnis Caroline Weldons fast vergessen. Was man im Film beiläufig davon sieht, hat wenig mit ihrem Stil zu tun. Erst im Abspann erinnern einige historische Fotos an das tatsächliche Ausmaß der Barbarei, an das auf die Ermordung Sitting Bulls folgende Massaker am Wounded Knee. Andere Filme haben davon erzählt, und nicht alles wird dadurch eindringlicher vermittelt, dass man es verfilmt. Schweigen kann durchaus mehr ausdrücken, aber hier hat man es mit einer alten Hollywood-Untugend zu tun, dem Verschweigen. 

Der Regisseur John Ford, der keineswegs unschuldig war an dieser Kultur, fand zugleich das passende Wort dafür, als er am Ende seines Westerns „Wer erschoss Liberty Valance“ den Ratschlag gab: Drucken Sie die Legende.
 
Die Frau, die vorausgeht. USA 2017. Regie: Susanna White. 101 Min.

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