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Deutsche Filmförderung Im Reich des Mittelmaßes

Die deutsche Filmwelt fürchtet die Unterhaltung so sehr wie die Kunst und das Experiment. Wohl noch nie in der Geschichte der deutschen Filmförderung gab es mehr öffentliches Geld fürs Mainstreamkino als heute.

„Unschlagbar charakterlos“: Michael Herbig als Max Zettl und Karoline Herfurth als seine Geliebte in einer Szene des Films „Zettl“. Foto: Warner

Dreißig Jahre ist Rainer Werner Fassbinder nun tot, doch noch immer wird das deutsche Kino international am Vermächtnis des großen Regisseurs gemessen. Daran ändert auch eine offensive Förderpolitik nichts. Das größte Problem der deutschen Filmwirtschaft scheint zu sein, was Fassbinder so leicht gefallen ist: Unterhaltung und Kunst unter einen Hut zu bringen.

Der Mainstream, so schrieb Dominik Graf unmittelbar vor der jüngsten Lola-Verleihung durch die Deutsche Filmakademie in der Wochenzeitung Die Zeit, sei „eine fast einsame Unternehmung“ geworden, während die weit üppiger geförderte Filmkunst vor allem „Besinnungsaufsätze“ hervorbringe. „Würde man die Planfolie einer halbwegs kommerziell funktionierenden Industrie über unsere Landschaft legen“, so der Regisseur, „fiele auf, dass das ökonomische Zentrum der Filmherstellung – nennen wir’s Mainstream – nur noch einen Bruchteil der Förderfilme ausmacht. Also genau der Bereich, der am stärksten dazu geeignet sein sollte, das Publikum an sich zu ziehen, fällt von Saison zu Saison magerer aus. Es gab im zurückliegenden Kinojahr noch zwei aufs Massenpublikum hin geplante Großproduktionen (Hotel Lux, Zettl), etliche erfolgreiche Lustspiele (What a Man, Rubbeldiekatz, Eine ganz heiße Nummer, Sommer in Orange) und zwei real existierende Genrefilme (Hell, Die vierte Macht).“

In der Branche wird seither viel diskutiert über ein gestörtes Verhältnis der deutschen Filmkultur zur Unterhaltung. Dabei hätte man erst einmal Dominik Grafs Angaben näher unter die Lupe nehmen müssen. Denn die Jahresliste 2011 der Filmförderungsanstalt ist ganz im Gegenteil voller öffentlich geförderter Mainstreamfilme, gekrönt vom mehr als vierfachen Zuschauermillionär „Kokowääh“: Der Filmförderfonds, aus dem auch dessen Regisseur Til Schweiger schöpfte, macht schließlich keine Unterscheidung zwischen Kunst und Unterhaltung.

Um nur einige weitere Titel zu nennen: „Wickie auf großer Fahrt“, „Die drei Musketiere“, „Hexe Lilli“, „Resturlaub“, „Prinzessin Lillifee“, „Werner – Eiskalt“, „Die Superbullen“, „Lauras Stern“, „Dreiviertelmond“, „Tom Sawyer“, „Dschungelkind“, „Otto’s Eleven“, „Der ganz große Traum“, „Kein Sex ist auch keine Lösung“, „Die Relativitätstheorie der Liebe“, „Konferenz der Tiere“. Doch schon die Nummer Vier unter den Kinohits 2011, „Almanya“, gehört zu einer Filmform, die es in der polarisierten Weltsicht von „Anspruch kontra Unterhaltung“ gar nicht geben dürfte – nämlich eine Filmkunst der unterhaltsamsten Art.

Innovative Filmkunst ist Mangelware

Wohl noch nie in der Geschichte der deutschen Filmförderung gab es mehr öffentliches Geld fürs Mainstreamkino als heute. Aktuelle Beispiele sind „Blutzbrüdaz“, „Offroad“, „Fünf Freunde“ und „Türkisch für Anfänger“. Allerdings muss man sich von der Vorstellung lösen, dass populär ausgerichtete Filme notwendigerweise auch mehr Zuschauer finden als anspruchsvollere Filme. Wim Wenders’ Dokumentarfilm „Pina“, noch immer in den Kinos laufend, dürfte mit mehr Zuschauern abschließen als die drei designierten Blockbuster „Zettl“, „Hotel Lux“ und „Anonymous“ zusammen. Und auch Christian Petzolds Kunstfilm „Barbara“ kann sich, was den Zuschauererfolg angeht, mit jedem dieser viel teureren Filme messen.

Dennoch hat Dominik Graf in einem anderen Punkt natürlich Recht: Es drängen dank Filmförderung viel mehr Debütfilme von Hochschulabsolventen auf den Markt, als dieser hergibt an Zuschauerinteresse. Aber eben auch viel mehr Mainstream-Filme. Mangelware ist hingegen die wirklich innovative Filmkunst, die man auch auf internationalen Festivals zeigen kann. „Ihr Deutschen seid einfach nicht wirklich frech“, so erklärte der österreichische Regisseur Michael Haneke beim Festival Cannes gegenüber dem Kulturstaatsminister Bernd Neumann die dauerhafte Abwesenheit der Deutschen im internationalen Wettbewerb. Und das gilt insbesondere für die meisten Hochschulabsolventen, die nur in den seltenen Fällen formale Experimente wagen. Aber hier muss man Graf widersprechen: Das Phantastische ist keineswegs ganz aus dem deutschen Film verschwunden, wie Jan Schomburgs metaphysisches Liebesdrama „Über uns das All“ bewies.

Graf fordert mehr „Film als herrlich künstlichem Glanz“. Das kann einerseits bedeuten: Mehr Trivialität. Aber auch: Mehr Kunst. Denn die deutsche Filmbranche tut sich leider schon sehr lange mit beidem schrecklich schwer. Warum ist sie einerseits unfähig, sich mit der herrlich visuellen Komik von Michael „Bully“ Herbigs Filmen zu identifizieren? Hilflos überreichte man dem gerade einmal 44-Jährigen bei der Lola-Vergabe den Bernd-Eichinger-Preis fürs Lebenswerk. Und warum ist man andererseits so abgeneigt, sich auf die international bewunderte Formsprache der Berliner Schule einzulassen? Lässt es sich mit dem handwerklich nur gut Gemachten wirklich leichter leben als mit dem Genialischen, das kühn die Kategorien sprengt? Gerade im Humor findet oft beides zusammen. Doch die größten Meister auf diesem Gebiet – etwa May Spils, Ulrich Schamoni, Will Tremper, Klaus Lemke oder Helge Schneider – fehlen in der offiziellen deutschen Filmgeschichtsschreibung.

Kunst und Unterhaltung müssen keine Widersprüche sein

Es ist eine lange Geschichte. 1961, als Joe Hembus seine Streitschrift „Der deutsche Film kann gar nicht besser sein“ veröffentlichte und sich die späteren „Oberhausener“ bereits in München formierten, wurde der Bundesfilmpreis in der Hauptkategorie gar nicht vergeben: Die Jury hatte nichts Preiswürdiges gefunden. Zur Auswahl hätten unter anderem gestanden Georg Tresslers „Die Halbstarken“ oder Kurt Hoffmanns „Spukschloss im Spessart“ – Unterhaltungsfilme, die gleichzeitig Kunstwerke sind. Da war die Scheu schon da.

In den USA, wo der MGM-Löwe ohne jede Ironie vom vollmundigen Slogan „Ars Gratia Artis“ umrahmt wird, gelten Kunst und Unterhaltung keineswegs als Widersprüche. In Deutschland jedoch zieht man dazwischen einen absurden Graben. Die Filmförderung der 1970er-Jahre verschloss sich demonstrativ dem Genrekino – und trieb Altmeister wie Käutner, Staudte, Hoffmann, Reinl ins Abseits oder zum Fernsehen. Selbst die Genialität eines Roland Klick, eines der modernsten Regisseure seiner Zeit, wurde weithin verkannt. Hinter der einseitigen Förderung des oft politisch geprägten Autorenfilms stand die falsche Vorstellung, dass die Unterhaltung auch von sich aus überleben könne. Dabei hatte das Kinosterben der frühen 1960er-Jahre diesen Traum lange zerstört.

1985 kam die radikale Wende: Bei Doris Dörries Komödie „Männer“ fielen Kunst und Unterhaltung zusammen; anders als May Spils wurde sie dafür auch anerkannt. Zunehmend wurden seither populäre Filmformen gefördert, Autorenfilme verschmäht. Aber warum fordert nun gerade Dörrie: „Ich will die Leute unterhalten. (...) Ich will eine Lanze dafür brechen, dass wir die Verabredung mit dem ganz normalen Publikum nicht komplett aufgeben.“ Gerade ihre Filme sind doch ein Beispiel dafür, dass Kunst und Unterhaltung eben keine Widersprüche sein müssen.

Was wir brauchen, ist beides – und gern im Extrem. Die Voraussetzung dabei ist, neidlos zuzugeben, dass filmisches Genie auch darin bestehen kann, der condition humaine der deutschen Durchschnittsbeziehung so nahe zu kommen wie Til Schweiger in seinen Komödien. Aber auch, den Film als Kunst wieder anzuerkennen. Mit dem Erbe des Experimentalfilms hat die Branche schon lange abgeschlossen. Ihn findet man nur noch in Oberhausen und in den Kunstmuseen. Die Welterfolge deutscher Film- und Videokünstler wie Matthias Müller, Christian Jankowski, Bjørn Melhus oder Clemens von Wedemeyer nimmt die Filmwelt nicht mal zur Kenntnis. Ulrich Köhlers „Schlafkrankheit“ fand auf der Berlinale 2011 viel Anerkennung aus aller Welt. Die Deutsche Filmakademie hielt ihn nicht mal der Preis-Nominierung für würdig. Vorsicht: Wenn eine Filmkultur sich vor ihren Extremen fürchtet, bleibt am Ende nur Mittelmaß.

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