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„Der traumhafte Weg“ Ein Überschuss an Schönheit

Angela Schanelec findet in ihrem auch mit Laiendarstellern arbeitenden Drama zu einem neuen kunstvollen Filmstil.

Eggert
Maren Eggert als Ariane in „Der traumhafte Weg“. Foto: Filmgalerie 451

Ereignisarmut war stets der Reichtum der Filme von Angela Schanelec. Die der Berliner Schule zugerechnete Filmkünstlerin ist bekannt für lange Einstellungen, etwa im Drama „Marseille“, das 2004 zu den wenigen deutschen Filmen zählte, die in Cannes Premiere feierten. Man staunt nicht schlecht, wie leicht der einstigen Frankfurter Schauspielschülerin nun der Verzicht auf ihr inzwischen weltbekanntes Stilmittel fällt. Was nicht heißt, dass sie sich stattdessen für eine konventionelle Filmsprache entschieden hätte.

„Der traumhafte Weg“ ist ein Experiment in verdichtetem Erzählen. Die zwei Geschichten, die darin verwoben sind, eine angesiedelt 1984, die andere in der Gegenwart, könnten auch epische Dimensionen füllen: Die erste handelt von einem jungen englischen Straßenmusiker, der seine deutsche Freundin zurücklässt, um bei seiner ins Koma gefallenen Mutter zu sein. Die zweite von einem Anthropologen im heutigen Berlin, der sich von seiner geliebten, drogenkranken Frau (Ariane, eine Fernsehschauspielerin) trennen muss, in der Hoffnung, ihr zu helfen.

Doch anstatt diese Geschichten wuchern zu lassen, fügt Schanelec sie in kurze fragmentarische und streng komponierte Szenen. Die erstaunliche Wirkung dieses Films besteht im Gegenspiel seiner Kräfte: Trotz der schnellen Schnitte ist das Spiel der – auch – Laiendarsteller traumhaft entschleunigt. Und in den eigentlich offenen Kameraeinstellungen zeigt sich ein fein komponiertes Farbenspiel zarter, aber nie schönfärberischer Töne.

Schanelec kam als Theaterschauspielerin zum Film. Auf der Bühne ist ein anti-naturalistischer Stil alltäglich, im Film ist er zumindest heute fast exotisch. Das war einmal vollkommen anders; wer einen Stummfilm sieht oder ein Werk von Jean Cocteau, käme nie auf die Idee, das Gespielte mit der fotografischen Wirklichkeit zu verwechseln. Was wären die Meisterwerke von Ophüls, Buñuel oder Fassbinder ohne ihre anti-naturalistische Darstellerführung? Dennoch ist es alles andere als selbstverständlich, wenn jemand wie Schanelec in jeder Szene eines Films in Erinnerung ruft, dass ein Spielfilm nun einmal etwas Gespieltes ist.

Wie in der Geschichte, die von Trennungen und ihrer Sehnsucht nach Überwindung handelt, sind wir auch als Zuschauer damit beschäftigt, Disparates zusammenzufügen: Dem gedehnten Spiel stehen schnelle Schnitte und erzählerische Verkürzungen spannungsvoll entgegen. „Dennoch steht da viel weniger ein Konzept dahinter, als man vielleicht denken könnte“, erklärt Schanelec. „Die Bewegung der Körper ist entscheidend dafür, wie ich etwas erzähle. Wenn ich aber nah an den Körper herangehe, entsteht die Notwendigkeit des Schnitts.“

Es gibt einen Überschuss an Schönheit in diesem Film, doch keine Ästhetisierung. Der Eindruck, den der fragmentarische Stil hinterlässt, ist der eines kunstvollen Bilderbuchs, das die Geschichte, die es illustriert, nie gänzlich preisgibt. Auf der Leinwand wirkt diese Verdichtung gleichermaßen streng wie leicht, was eine seltene und beglückende Erfahrung ist. Und offenbar fand die Regisseurin ebenso beiläufig zu dieser Form: „Irgendwann habe ich eine Drehbuchfassung geschrieben, in der jede Zeile eine Einstellung war“, erklärt sie im Gespräch. „Und so entstanden die für mich relativ kurzen Einstellungen.“

Es ist nicht selbstverständlich, dass Künstler den Stil, für den sie bekannt sind, radikal zu ändern wagen, ohne ihn dabei im Mindesten zu verraten. „Der traumhafte Weg“: Ist hier vielleicht das Glücksgefühl der Regisseurin gemeint, beim Beschreiten eines neuen Wegs des Erzählens?

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