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„Der Tod Stalins“ Putin, Stalin, Jesus Christus

Eine Filmkomödie, die den Tod des Diktators verspottet, ist in Russland undenkbar.

Stalins Geburtstag
Der 92. Geburtstag Stalins wird in Russland von etlichen Fans des Diktators gefeiert. Foto: imago

Die „Komsomolskaja Prawda“ schickte ihren Kriegsberichterstatter Dmitri Setschin los, der sonst aus den Schützengräben Syriens oder der Ostukraine berichtet. Diesmal ging es in den Kinosaal des russischen Kulturministeriums, um eine britisch-französische Filmkomödie in Augenschein zu nehmen: „Der Tod Stalins“. Er sieht „Widerliches“: „Er liegt in einer Urinpfütze auf dem Teppich. Lawrenti Beria (Stalins engster Mitarbeiter) kommt herein: ,Mann, das stinkt ja wie ein Klo in Baku.‘“

Gestern hätte der Film des schottischen Regisseurs Armando Iannucci in die russischen Kinos kommen sollen. Aber daraus wurde nichts. Das Urteil der 36 Mitglieder des „Gesellschaftsrates beim Kulturministerium“, die die Filmkomödie Montagnacht anschauten, fiel so vernichtend aus, wie das der Massenzeitung „Komsomolskaja Prawda“: „Diese Komödie hätte auch Hitler drehen können.“ Oder wie es in einem Schreiben der Kulturschaffenden an Minister Wladimir Medinski heißt: „Bösartig, völlig fehl am Platz, das Gedenken an jene unserer Bürger beschmutzend, die den Faschismus besiegt haben.“ Ein neues Format im psychologischen Krieg des Westens gegen Russland, so der kommunistische Parteifunktionär Sergei Obuchow.

Der Minister reagierte schnell. „Bei uns gibt es keine Zensur“, versicherte er. „Aber es gibt eine sittliche Grenze zwischen kritischer Analyse der Geschichte und ihrer Verhöhnung.“ Medinski strich die Kinolizenz für „Der Tod Stalins“.

Im Westen hatte der Film, dessen Drehbuch auf einer französischen Comic-Satire beruht, durchaus gute Kritiken bekommen. „Ein Film voller Absurdität, voller Momente, die passieren, wenn sehr wenig Menschen sehr viel Macht in den Händen halten“, schrieb die Kinozeitschrift „Empire“. „Seine Komik fußt vor allem darauf, dass in der Sowjetunion 1953 jedes Wort bedeutsam war. Ein unpassender Scherz oder ein falsch ausgesprochener Name konnte deinen Absturz bedeuten.“ Regisseur Iannucci hatte in früheren Filmen auch schon die Dummheit britischer und US-amerikanischer Regierungen aufs Korn genommen. Das aber rettete die Lizenz für seine Stalin-Verhohnepipelung nicht.

Böse Zungen verweisen darauf, dass Medinskis Ministerstuhl seit Monaten wackelt, unter anderem wegen seiner des Plagiats verdächtigen Doktorarbeit. „Jetzt verbietet er einen Film über das Ende eines großen Führers und über den Machtkampf, der danach ausbricht“, so der Politologe Michail Winogradow im Gespräch mit der FR. Auf diese Weise werbe Medinski um das Wohlwollen Wladimir Putins.

Aber bei Josef Stalin hört auch der Humor Millionen anderer Russen auf. Trotz oder wegen der neun bis 40 Millionen Menschen, die nach Ansicht verschiedener Historiker seiner Herrschaft zum Opfer fielen. „Ideologisch schleicht sich das Land in die Sowjetunion zurück“, sagt der Historiker Konstantin Schukow. „Stalins Figur erfreut sich zusehends überlebensgroßer Verehrung.“ Laut Meinungsumfragen halten 38 Prozent der Russen Stalin für die überragende Gestalt der Weltgeschichte, knapp gefolgt von Putin mit 34 Prozent.

Josef Stalin, sein Gefolge, auch seinen Terror mit britisch-schwarzem Humor verspottet, ist in Russland mehr als nur ein Skandal: eine Undenkbarkeit. Oder wie der kommunistische Präsidentschaftskandidat Pawel Grudinin es formuliert: „Ein Filmschwank mit dem Titel ,Die Kreuzigung Jesu Christi‘, ist das normal?“ Luis Buñuel, Monty Python, und ihre Blasphemien sind im Westen ein alter Hut, in Russland sind sie immer noch nicht angekommen.

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