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„Der Staat gegen Fritz Bauer“ Im falschen Film

Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ drängt die historischen Verdienste des Initiators der Auschwitzprozesse in den Hintergrund eines ungelenken Genrefilms. Obwohl es noch nie so einfach war, sich ein Bild vom echten Fritz Bauer zu machen.

Burghart Klaußner (l) als Fritz Bauer und Ronald Zehrfeld als Karl Angermann in einer Szene des Kinofilms "Der Staat gegen Fritz Bauer". Foto: dpa

Ende August wurde der Film „Im Labyrinth des Schweigens“ über den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und die Frankfurter Auschwitzprozesse von deutscher Seite für den „Auslandsoscar“ vorgeschlagen. Vielleicht, weil es ein Geschichtsdrama ist und damit entfernt an den letzten deutschen Gewinner in dieser Kategorie erinnert, „Das Leben der anderen“. Vielleicht aber auch, um ein besseres, chancenreicheres Geschichtsdrama auszuschalten.

Mit ihrer Empfehlung stellte die von der „German Films Service + Marketing GmbH“ berufene Jury sicher, dass Christian Petzolds „Phoenix“ nicht im Rennen ist. Für den Berliner Filmkünstler ist das umso schmerzhafter, als sein Film in den USA bereits mehr als eine Million Dollar eingespielt hat – und damit einen seltenen Bekanntheitsgrad bei den Oscar-Juroren vorweisen kann. Man kann eine Kampagne dahinter vermuten: Schon die deutsche Filmakademie, die über die Oscar-Vorschläge mit befindet, hatte Petzold, der seinen Film übrigens Fritz Bauer widmete, eine Nominierung für den mit hohen Staatsmitteln dotierten Deutschen Filmpreis verweigert.

Mit Flohmarkt-Mobiliar

Wie „Im Labyrinth des Schweigens“, wuchert auch der jüngste „Fritz Bauer“-Spielfilm kaum mit künstlerischem Anspruch. Und wie sein Vorgänger ist Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ stolz auf die bescheidenen Schauwerte eines reichen Flohmarkt-Mobiliars, bei dem auf jeden Nierentisch zwei spreizfüßige Sessel kommen. Überall wo Fritz Bauer wirkt, ob im Gerichtsgebäude oder seiner Wohnung, hängt ein Überangebot moderner Kunst, darunter – schon in den späten fünfziger Jahren kostspielig – ein aktuelles Werk des Franzosen Georges Mathieu. Immerhin wird der weißhaarige Jurist davor nicht wie im Vorgängerfilm zur Nebenfigur degradiert. Burghart Klaußner führt Bauer als knorrig-treibende Kraft herrisch durch den ganzen Film. Da kam der väterlich-bescheidene Gerd Voss im Vorgängerfilm der Sache schon viel näher.

Außenaufnahmen gibt es dagegen – anders als im „Labyrinth“ – nur wenige, was umso mehr auffällt, als der Spielraum weit über Frankfurt hinaus führt, nach Buenos Aires (hier ist Adolf Eichmann untergetaucht) und nach Jerusalem (hierin reist Bauer gleich zweimal in geheimer Mission, um zögerliche israelische Geheimdienstler zum Eingreifen zu bewegen). „Meine eigene Behörde ist Feindesland“, poltert Klaußners Bauer gleich zu Beginn mit martialischer Diktion. Und seinen besten Mitarbeiter, den erfundenen Staatsanwalt Karl Angermann (Ronald Zehrfeld), der ein wenig Privatleben für sich reklamiert, herrscht er an: „Wollen Sie Gerechtigkeit oder eine neue Küche?“

Ein antisemitisches Klischee

Dass Bauer dem jungen Mann in seiner Rage auch noch Antisemitismus unterstellt, ist schon ein dicker Hund. Und selbst ein antisemitisches Klischee: Als falle einem jüdischstämmigen Generalstaatsanwalt nichts Besseres ein, als den Antisemitismus-Vorwurf auszupacken. Wie soll da die Figur Fritz Bauer noch sympathisch werden? Oder gar ein zeitgenössisches Publikum für die historischen Verdienste seines historischen Vorbilds sensibilisieren, das Menschheitsverbrechen des Holocaust auf die bundesdeutsche Agenda gesetzt zu haben?

Genau darum geht es bestürzend wenig. Nein, Bauer ist nicht wie im „Labyrinth“, das ebenfalls mit einem erfundenen jungen Staatsanwalt aufwartete, eine Nebenfigur in der Handlung. Aber seine eigentliche Mission, die Aufarbeitung des Holocaust in Deutschland mit juristischen Mitteln, ist reine Nebensache. Zwei Handlungsstränge bestimmen den Film: Die Jagd nach Adolf Eichmann, den Bauer an den Mossad verriet, da er den deutschen Behörden nicht zutraute, seiner habhaft zu werden. Vor allem aber – hier liegen die eigentlichen dramatischen Höhepunkte – geht es um Bauers angebliche Homosexualität, gespiegelt an Mitarbeiter Angermann, der sich im Verlauf der Handlung seines gleichgeschlechtlichen Begehrens bewusst wird.

Man weiß wenig mehr über Fritz Bauers Sexualität als ein paar Gerüchte. Mag wohl sein, dass er in seinem Leben Männer liebte. Aber was hätte er wohl von einem Film gehalten, der sein Lebenswerk zur Nebensache degradiert, weil seine Autoren Lars Kraume und Oliver Guez in der damaligen Kriminalisierung Homosexueller eine Art Spannungshebel entdecken?

Umgeben von Altnazis

Bauer ist umgeben von Altnazis in den Behörden und Geheimdiensten, die ihn zu Fall bringen wollen. Das dürfte durchaus den Tatsachen entsprechen, auch wenn man seinen realen Widersachern ihre Gesinnung vielleicht nicht gleich an der Nasenspitze angesehen hätte wie den Filmfiguren Oberstaatsanwalt Ulrich Kreidler (Sebastian Blomberg) und BKA-Mitarbeiter Paul Gebhardt (Jörg Schüttauf).

Da sich Bauer keine Delikte nach dem berüchtigten Paragraphen 175 zu Schulden kommen lässt, locken sie Angermann in eine Falle. Verführt durch einen Transvestiten – in einem kuriosen Besetzungscoup spielt ihn die Schauspielerin Lilith Stangenberg mit digital appliziertem Genital – erpresst man ihn mit heimlich geschossenen Fotos. Um einer Verfolgung zu entgehen, soll er seinem Chef in den Rücken fallen.

Schon in jüngeren Spielfilmen über den Holocaust sind Schamgrenzen gefallen: Vor dem Hintergrund des Menschheitsverbrechens lassen sich auch die wüstesten Kolportagegeschichten erzählen, weil man diese im Zweifelsfall dann doch für verkäuflicher hält als das eigentliche Thema.

Gleich dreimal muss Stangenberg als Nachtclub-Chanteuse in muffigen Barszenen verführerisch zum Mikrofon greifen. Als hätte dieser Film über die Adenauerzeit seine Filmemacher dazu verführt, auch gleich mit den so genannten Skandalfilmen der Nachkriegszeit konkurrieren zu wollen, sind es die Tiefpunkte der Inszenierung.

Wer es gut meint, denkt dabei an „Das Mädchen Rosemarie“, wer es weniger gut meint, an Veit Harlans Anti-Schwulendrama „Anders als du und ich“ – wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen. Und das alles soll interessanter sein als das Lebenswerk des Mannes, ohne den die Verdrängung der NS-Verbrechen in der bundesdeutschen Öffentlichkeit noch lange weitergegangen wäre? Dabei war es nie so einfach, sich ein Bild vom echten Fritz Bauer zu machen.

Nachdem Ilona Zioks einfühlsamer Dokumentarfilm „Tod auf Raten“ seine Wiederentdeckung einläutete, sind inzwischen auch seine gesammelten Fernsehauftritte auf DVD erschienen.

Der Staat gegen Fritz Bauer. D 2015. Regie: Lars Kraume. 105 Min.

DVDs: Fritz Bauer. Gespräche, Interviews und Reden aus den Fernseharchiven 1961–68. Absolut-Medien 2014, 298 Minuten, 19,90 Euro.

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