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„Der SPK-Komplex“ Die Krankheit eines Systems

Dokumentarfilmer Gerd Kroske erzählt die vergessene Geschichte des Heidelberger SPK: Wie man in den frühen Siebzigern Psychiatriekritik unter Terrorismusverdacht stellte.

Der SPK-Komplex
„Deshalb“, heißt es in dem Film, „mussten wir sie da rausholen.“ Foto: Salzgeber

Es gab sicher nicht wenige, die Anfang der Siebziger Jahre die kapitalistische Gesellschaft für krank erklärten. Auch in der Disziplin, die für psychologische Gutachten zuständig ist, konnte der Zusammenhang nicht ganz verborgen bleiben. Wo ließe sich die Machtlosigkeit des Individuums drastischer erleben als in der damaligen Psychiatrie, deren Strategien gerade in vielen Ländern öffentlich diskutiert und hinterfragt wurden?

In den USA war Ken Keseys kritischer Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ zum Besteller geworden und führte schließlich zur Ächtung der Lobotomie: in Italien betrieb der Psychiater Franco Basaglia die Auflösung stationärer Anstalten. Und in Heidelberg gründete der Arzt Wolfgang Huber mit 52 Psychiatrie-Patienten das „Sozialistische Patientenkollektiv“ (SPK).

„Jeder Selbstmord ist ein Mord des Kapitals“, war eine seiner griffigen Formulierungen. Hubers Experiment, das auf eine Aufhebung des Machtgefälles zwischen Ärzten und Patienten zielte und sich gegen die Verwahr-Psychiatrie richtete, fand regen Zuspruch, schließlich zählte es rund 500 Teilnehmer. Umso nervöser reagierten die Behörden. Schließlich stellte man das SPK unter Terrorverdacht und führte einen spektakulären Prozess gegen Huber und einige seiner Unterstützer. Das SPK wurde zur kriminellen Vereinigung erklärt, gravierender Straftaten bedurfte es kaum, um Huber und seine Frau Ursel zu viereinhalb Jahren Gefängnis zu verurteilen, Isolationshaft.

Der Filmemacher Gerd Kroske hätte sich ein einfacheres Thema für einen Dokumentarfilm aussuchen können, aber kaum ein verdienstvolleres. Denn über das Schweigen, zu dem man Huber und seine Gruppe verurteilte, hat sich Vergessen ausgebreitet. Huber selbst ist verschollen, seine Frau 2013 verstorben. Dennoch bringt Kroskes Film ganz ohne Kommentar die Zeit zum Sprechen.

Seine archivarische Vorarbeit ist imponierend: In Mitschnitten seiner Reden man kann nacherleben, wie Huber die Verfolgung radikalisiert und verhärtet. „Das System hat uns krank gemacht, geben wir dem kranken System den Todesstoß“, formuliert er schon 1970, doch von Aufrufen zu Gewalt kann dabei keine Rede sein. Auch wenn sich einige Mitglieder unter dem Eindruck des Todes von Holger Meins der RAF anschlossen. Zwei davon, Carmen Roll und Lutz Taufer, gehören zu den Protagonisten des Films.

Roll, die nach ihrer Haftentlassung nach Italien ging, wo sie bis heute weiter mit psychisch Kranken arbeitet, vertritt die Ideale der Anti-Psychiatrie klar und anschaulich: „Die Irren sind das Irrenhaus. Deshalb mussten wir sie da rausholen. Um zu sehen, wer sie wirklich sind.“ Man muss den Bezug zur Isolationshaft nicht noch beschwören. Es ist die Kunst der filmischen Montage, die uns selbst darüber nachdenken lässt, wie sich die Prophezeiungen von Huber in der Haft erfüllten. Taufer erzählt, wie er in der Zelle Gedichte auswendig lernte, um nicht den Verstand zu verlieren. Nach Jahren stellte man ihm endlich drei ältere Mitgefangene vor, mit denen er nun zur Hafterleichterung abends fernsehen dürfe. Es waren Naziverbrecher.

Gerd Kroske drehte seinen ersten Film noch für die DEFA. „Leipzig im Herbst“ dokumentiert die Revolution in erlesenen 35mm-Bildern. Dass es ihm auch jetzt gelang, farbige Dokumentaraufnahmen von der SPK und einem gegen sie gerichteten Polizeieinsatz in exzellenter Qualität zu finden, macht diesen Film auch visuell zu einem Ereignis. Auch damalige Zeitungsreporter öffneten ihre Archive. Ein ehemaliger Polizist zeigt, warum sie so gut geworden sind: Die Wache war gleich gegenüber der Therapieräume. Die Verfolgung der SPK zeigt sich in diesem Film als Chronik einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Die Kriminalisierung stand am Anfang der Verfolgung. Am Ende verloren zwei verdienstvolle Mediziner ihre Approbationen, ihre Existenzen blieben zerstört. Umso bewegender ist es, der engagierten Carmen Roll zu begegnen. Doch auch in Italien holt sie die Geschichte ein: In einem der damals geschlossenen Irrenhäuser findet sie nun wieder Menschen hinter Gittern. „Man hat es in einen Hotspot für Flüchtlinge umgewandelt“, erzählt sie. „Jetzt sehen das die ehemaligen Patienten, und verstehen überhaupt nichts mehr.“

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