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"Der Schaum der Tage" Seerose in der Lunge

Michel Gondrys Verfilmung von Boris Vians Roman „Der Schaum der Tage“ schäumt allzu gefällig dahin.

Furchtbar niedlich: Audrey Tautou mit Romain Duris. Foto: dpa

Bei Colin kommt der Aal aus dem Wasserhahn. Hahn aufdrehen, Aal rausziehen, klein schneiden; schon kann das Tier gedünstet werden. Wie das geht, verrät ein Koch, der mal aus dem Kühlschrank heraus, mal auf einem Bildschirm neben dem Herd praktische Hinweise gibt.

Der Herd dient auch als Plattenspieler: Man muss nur vier Exemplare derselben Platte auf die runden Brennstellen legen, dann fahren die Tonarme aus und liefern Quadrosound. Klingelt jemand an der Wohnungstür, verwandelt sich die Schelle in einen mechanischen Käfer, der wild durch die Stube rennt.

Und will Colin was trinken, mixt er sich einen mit dem Cocktailpiano: Dessen Tasten erzeugen eine Melodie und zugleich ein passendes Mischgetränk. Moll macht den Cocktail weicher, falsche Noten bringen Misstöne ins Glas. Zur Begrüßung drückt man die Hände nicht, man legt sie ineinander, woraufhin sie sich gemeinsam mehrfach um die eigene Achse drehen.

Diese Welt ersann der französische Schriftsteller Boris Vian (1920-1959). Der Romancier, Chansonschreiber, Jazztrompeter und Leiter der Jazzabteilung bei Philips, schrieb 1946 den melancholisch-fantastischen Roman „Schaum der Tage“, der erst zwanzig Jahre nach seinem Tod populär wurde. Seitdem aber gehört er in Frankreich Jahr um Jahr zu den Bestsellern. Es ist eine tragische Liebesgeschichte, in der der reiche Müßiggänger Colin (Romain Duris) alles hat, nur keine Frau. Endlich erlöst ihn eine Geburtstagsparty für einen Pudel von seiner Einsamkeit. Dort trifft er die fröhliche Chloé (Audrey Tautou). Bald nach der Hochzeit erkrankt aber die Schöne. In ihrer Lunge wächst eine Seerose heran, deren Wuchern nur durch andere Blumen gehemmt werden kann.

Chloé muss in Blumen immerzu baden. Kaum hat sie sich hineingelegt, verwelken sie auch schon wieder, und der Ehemann muss neue besorgen. Von nun an ist es aus mit dem Müßiggang. Die Blumen zehren Colins Vermögen auf, der Faulpelz muss arbeiten und tut es aus Leibeskräften. Aber vergebens: Die Kosten für die nötigen Blumen übersteigen seinen Verdienst. Am Schluss arbeitet er im Amt für Vorhersagen und muss den Menschen schlechte Nachrichten überbringen, bevor sie eintreten. Als er seinen eigenen Namen auf der Liste findet, weiß er, dass Chloé stirbt.

Natürlich unverfilmbar

Dass der Roman unverfilmbar ist, versteht sich wegen der Fülle von fantastischen Einfällen von selbst. Dass es Vians Geistesverwandter Michel Gondry irgendwann dennoch versuchen würde, lag ebenso auf der Hand. Nun ist es so weit. Er hat’s gewagt und getan. Gondry, Regisseur so großartiger Filme wie „Anleitung zum Träumen“, „Vergiss mein nicht“ und „Abgedreht“, ist ein spielerischer Geist wie Tim Burton, nur viel verbastelter.

Er ist nicht einfach ein Träumer, sondern ein Konstruktivist, ein Trickser, ein Heimwerker künstlicher Welten, in denen er, kaum sind sie erbaut, um geistiges Asyl bittet. Der „Schaum der Tage“ allerdings schäumt allzu gefällig dahin.

Vermutlich waren sich die Geister zu verwandt, liegen sich Gondry und der von ihm verehrte Vian zu nahe, um zwischen Regisseur und Stoff eine kritische Spannung zu erzeugen. Die Einfälle sind wunderbar; dass mit Chloés fortschreitendem Leid die Farben des Films verblassen, ist eine schöne Idee. Aber was fehlt, ist die brüske Lakonie, mit der Vian seine schrägen Ideen in die Welt setzte. Vians Ton war charmant, aber niemals niedlich.

Gondrys Film dagegen ist furchtbar niedlich. Dazu trägt vor allem die nervig fröhliche Audrey Tautou bei, die sich inzwischen vom Unschuldslamm zum Schaf entwickelt hat. Eine unangenehme Süße geht von ihrem Spiel aus, legt sich klebrig über diese seltsame Welt, die ohne sie sperriger, weniger puppenstubenhaft ausgefallen wäre. Die ziemlich bissigen Parodien auf den Philosophen Jean-Paul Sartre, in Buch und Film ein selbstgefälliger Phrasenroboter namens Jean Sol Partre, können da auch nicht mehr helfen.

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