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Der Nussknacker Verloren im Spielzeugland

„Der Nussknacker und die vier Reiche“, ein haltlos chaotischer Weihnachtsfilm von Lasse Hallström und Joe Johnston.

Nussknacker
Die Zuckerfee und Clara (r.). Foto: Laurie Sparham/D2017 Disney Enterprise

Eines muss man Disney lassen: Kein Filmstudio ist sich seiner eigenen Geschichte so bewusst. Nahezu alles, was dieser Konzern hervorbringt, hat einen Vorläufer in früheren Produktionen. Auch wenn wenig in „Der Nussknacker und die vier Reiche“ tatsächlich daran erinnert, versteht sich der diesjährige Weihnachtsfilm als Remake. Zum ersten Mal hatte Disney 1940 Tschaikowskys Nussknackerballett als Teil des animierten Konzertfilms „Fantasia“ verfilmt. 

Er ist eines der großen Meisterwerke der Animation: Wer könnte das Ballett der Pilze vergessen oder den Flug der Tautropfen-Feen im Morgengrauen? Zumindest Lasse Hallström. Anders als noch das über weite Strecken bildgetreue Realfilm-Remake von „Die Schöne und das Biest“ ignoriert seine „Nussknacker“-Version nicht nur die Schönheiten des Disneyklassikers. Auch Tschaikowskys Ballettmusik ist nur noch in wenigen Leitmotiven präsent. Die Fliegenpilze stehen starr und stumm im Wald. Und auch im Feenreich fehlt jede Eleganz. 

Immerhin wollte man diesmal etwas versuchen, was seinerzeit Walt Disney früh in der Produktion verwarf – wenigstens noch entfernt an die Vorlage von E.T.A. Hoffmann zu erinnern. Aber dafür gab es natürlich Gründe: Die Kinderzimmer-Variante des preußischen Militarismus, die Befehlsgewalt eines durch unsachgemäßes Spiel lädierten Nussknackers über eine Zinnsoldaten-Armee schien nicht in die Zeit zu passen.

Die 17-jährige Mackenzie Foy verkörpert die kleine Clara, die sich bei Hoffmann des Spielzeugs erbarmt, bar jeder Kindlichkeit. In einer Ballettaufführung mag man das im Tausch gegen tänzerische Bravour goutieren, doch ein Tanzfilm ist dies nicht. Was es stattdessen sein will, darüber kann man nur rätseln. 

Es gibt zwei Regisseure aus zwei Generationen, deren Werk recht wenig verbindet: Lasse Hallström, der seine besten Werke für Abba und Astrid Lindgren schuf, aber auch veritable romantische Komödien und den anrührenden „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“ hervorbrachte, trifft auf Joe Johnston, dessen Karriere von „Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft“ bis zu den Marvel-Filmen reicht. Zwei derart verschiedenartige Köche wären schon für einen gewöhnlichen Brei zu viel. Welche der vier Reiche, die Clara in diesem merkwürdigen Fantasy-Drama bereist, mag wer von beiden inszeniert haben? Oder wurde der eine durch den anderen ersetzt?

Vielleicht hätte sich Disney lieber an einer weiteren „Alice im Wunderland“ versuchen sollen – die episodenhafte Odyssee eines weiblichen Teenagers durch gleich vier Märchenreiche scheint sich tatsächlich vor allem an diesem bewährten Muster zu orientieren. Eine verschlossene Dose, die ihrer verstorbenen Mutter gehörte, der von einer Maus stibitzte Schlüssel, schicken Clara auf die Reise zu merkwürdigen Begegnungen. So unkenntlich wie ihr Vorbild im Märchen ist auch Keira Knightley im schweren Make-up der „Zuckerfee“. Ihre böse Gegenspielerin ist eine ebenso deplatzierte Helen Mirren als „Mutter Ginger“. Digitale Effekte verhelfen der 73-jährigen Shakespeare-Darstellerin zu gummihafter Athletik. 

Aber ein Nussknacker-Film ist natürlich nicht komplett ohne den schmucken Soldaten. Der attraktive Jungstar Jayden Fowora-Knight kommt seinem hölzernen Vorbild durchaus nahe – er hat genau einen Gesichtsausdruck parat und strahlt den ganzen Film über wie frisch lackiert. 
Bei jeder Wendung dieser endlos mäandernden Geschichte fragt man sich, was all dieser Aufwand ursprünglich einmal bezweckt haben mag. Wollte man zu einem Zeitpunkt vielleicht eine Liebesgeschichte zwischen Clara und ihrem Nussknacker erzählen? 

Doch da man sich offenbar schon uneinig war, ob das Mädchen nun ein spielendes Kind oder doch lieber ein Teenager sein sollte, reichte es nur für ein paar neugierige Blicke zwischen den Protagonisten. Wohin immer diese Reise auch mal gehen sollte – manchmal denkt man auch an „The Wizard of Oz“, ein Projekt das Walt Disney zu Lebzeiten lange glücklos verfolgte – nie kommt der Film auch nur in die Nähe seines Ziels. 

Es gibt keinen Charme, keine liebenswerten Nebenfiguren, es gibt nicht einmal spektakuläre Choreographien. Immer scheint jemand zu Songs anzusetzen, die dann aber nicht gesungen werden. Die Kulissen protzen manchmal mit Gips und Watteschnee – und verschwinden dann wieder hinter computergeneriertem Schnickschnack aus der Postproduktion. Orson Welles verglich das Filmemachen einmal mit der größten Spielzeugeisenbahn aller Zeiten. Wer auch immer hier an den Reglern saß – der Weihnachtsfahrplan geriet gründlich durcheinander.

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