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„Der Grinch“ Die Lebkuchenfestung

Fast kann man ihn ja verstehen, den „Grinch“. Komiker Otto Waalkes leiht dem grünen Wesen seine Stimme.

Kinostart - "Der Grinch"
Jeder Grinch hat seine sensible Seite, hier ist sie klein und blond. Foto: Illumination and Universal Pic/Universal Pictures Germany/dpa

Als Jim Carrey vor 18 Jahren den Grinch spielte – in Ron Howards Realverfilmung der giftgrünen Weihnachtsgeschichte –, da verwandelte Maskenbildner Kazuhiro Tsuji sein Gesicht in einen runzligen Apfel, der irgendwie an Joda erinnerte. „How the Grinch Stole Christmas“ wurde ein enormer Publikumserfolg und gleichwohl von vielen abgelehnt. Auch, so hieß es, weil er den Geist der Ursprungsgeschichte von Dr. Seuss zynisch verrate. Nicht zuletzt durch den Runzel-Carrey, der sich durch die Geschichte kasperte.

Das kann man der neuen, animierten Verfilmung durch Yarrow Cheney und Scott Mosier nicht vorwerfen. Hier ist der Grinch ein sehr flauschiger, pelziger Griesgram – very Seussian –, der von seinem Domizil hoch droben auf einem Berg mit verächtlicher Gentleman-Attitüde auf Whoville herabblickt, ach was: herabätzt. Denn dort bauen die Dörfler inmitten ihres kunterbunten Idylls einen mächtigen Weihnachtsbaum auf. Und Weihnachten ist etwas, das der Grinch mit ebensolcher Inbrunst hasst, wie die Leute von Whoville das Fest lieben.

Sensibler Kern

Im Original verleiht Benedict Cumberbatch dem grünen Eremiten eine hochnäsige Note, irgendwie britisch, obwohl er mit amerikanischem Akzent brabbelt – in der Synchronisation spricht er mit der Stimme von Otto Waalkes, der ihm selbstverständlich ottohafte Kiekser mitgibt. Ansonsten aber fügt er sich bestens in die Interpretation dieser Figur ein, die Cheney und Mosier nicht eindimensional als Miesepeter anlegen, sondern als einen Charakter, der sein Päckchen zu tragen hat.

Der Grinch hat eine Geschichte. Er hat sich selbst zur Einsamkeit verdammt, ist ein Neurotiker mit traumatisierenden Kindheitserfahrungen – natürlich in Zusammenhang mit Weihnachten. An der Orgel mit spaghettihaft sich windenden Pfeifen sitzt er und intoniert „All By Myself“. Hier wird die sonst so aufgedrehte Geschichte sogar ein bisschen ernst, denn in dem Grinch steckt ein sensibler Kern, und diesen bringt ein kleines Mädchen mit sanfter Zähigkeit zum Vorschein. Auch der böse Weihnachtsdieb hat also seine guten Seiten.

Und Weihnachten hat schlechte. Schon immer sprach der Grinch all jenen aus dem Herzen, die im schmucken Fest in erster Linie einen feisten Konsumrausch ausmachten, eine kapitalistische Feier der kalkulierten Maßlosigkeit. Ganz unrecht haben sie ja nicht. Auch die Bewohner von Whoville befinden sich im Ausnahmezustand, wunderbar karikiert in einem penetrant gut gelaunten Zeitgenossen, der sein Haus als Zuckerbäckerpuppenstube dekoriert und jedes Jahr neue Superlative hinlegen will – die meisten Geschenke, der höchste Baum, das fetteste Essen. Dieser Typ ist wirklich ein Weihnachts-Mann, und der Grinch will partout nicht sein Freund sein.

Von seinem Zauberberg studiert er genau diesen Ort der entfesselten Vorfreude, dieses Weihnachtsmarkt gewordene Dorf, und Cheney und Mosier fassen dieses Verhältnis sehr genau ins Bild: Der Grinch wirkt wie ein Feldherr, der die Lebkuchenfestung ins Visier nimmt – ein Giftzwerg, der gleichzeitig erbärmlich einsam wirkt. Für gute altmodische Slapstick-Momente sorgen dabei zuverlässig der Hund, der dem Grinch mit Demut dient, und die Schlittenfahrten des Weihnachtsdiebs durch die Berge. Auch das ist oft anrührend in einem Film, der nicht bloß auf Klamauk setzt, sondern seinen Figuren und seinem Gegenstand wirklich etwas abgewinnt.

Glücklich die Kinder, die noch nie vom Grinch gehört haben und ihm in aller Frische begegnen. Sie haben die Chance, auch etwas vom Kosmos des Theodor Seuss Geisel, genannt Dr. Seuss, zu erahnen, diesem menschenfreundlichen Zeichner, Autor und politischen Cartoonisten, dessen Werk so wunderbar undefinierbar zwischen Surrealismus und Schuljungen-Comic schwebt. Der Respekt vor diesem Werk trägt Cheneys und Mosiers Film bis hinein in ein Finale, das ans Herz geht. Ob man Weihnachten mag oder nicht.

Der Grinch. Animation. USA 2018. Regie: Scott Mosier, Yarrow Cheney. 86 Min.

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