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Der Film "Berlin 36..." Konstrukt statt Wahrheit

Der Film "Berlin 36. Die wahre Geschichte einer Siegerin" zeigt nicht die historische Wirklichkeit. Weder hat Dora Ratjen die Hochsprunglatte absichtlich gerissen, noch war Gretel Bergmann im Stadion. Von Michael Barsuhn

14.09.2009 00:09
Michael Barsuhn

Berlin im Sommer 1936. Bei den Olympischen Spielen unter dem Hakenkreuz steht der Hochsprungwettbewerb der Frauen kurz vor der Entscheidung. Die 17-jährige Deutsche Dora Ratjen läuft an, springt und reißt die Latte, auch im letzten Versuch. Ratjen muss sich mit dem undankbaren vierten Platz begnügen. Im Zentrum der von Regisseur Kaspar Heidelbach erzählten Version der Ereignisse steht die Freundschaft zwischen Dora Ratjen (Sebastian Urzendowsky) und der Jüdin Gretel Bergmann (Karoline Herfurth), eine Freundschaft, die es jedoch so nie gegeben hat. Dies belegt das auf historischen Fakten beruhende Buch zum Film "Berlin 36" von Jutta Braun und Berno Bahro von der Universität Potsdam, außerdem Bergmanns Autobiographie und jüngste Interviews mit ihr, die heute 95-jährig in New York lebt.

Im Film jedoch wird die vermeintliche Innigkeit gleich mit zwei historischen Unrichtigkeiten zelebriert: Gretel beobachtet den olympischen Wettbewerb von der Tribüne aus. Ratjen reißt aus Solidarität mit ihr die Latte. Die vermeintliche Symbiose zwischen den beiden Außenseiterinnen, der Jüdin und der Springerin mit der tiefen Stimme, wird filmisch mit einer Doppelbelichtung illustriert: Dora springt und Gretels Schatten springt mit ihr.

In Wahrheit aber war Gretel Bergmann gar nicht im Stadion. Tatsächlich bereitete sie zeitgleich ihre Emigration vor. Kurz vor den Spielen war sie rücksichtslos aus dem Kader geworfen worden. In Wahrheit hat auch Dora Ratjen die Hochsprunglatte nicht absichtlich gerissen, sondern weil ihr schlicht und einfach die Nerven flatterten. "Man kann sich darüber vielleicht mokieren, aber ich möchte die Szene nicht sehen ohne Gretel, die wäre dann im Stadion einfach viel langweiliger geworden", sagt Regisseur Kaspar Heidelbach.

Dramaturgische Effekte

Über die Wirkung dramaturgischer Effekte lässt sich bekanntlich streiten. Das Versprechen des Films aber, die historische Wirklichkeit abzubilden, kann "Berlin 36" nicht einlösen. Das gilt vor allem für die Geschichte Dora Ratjens. Denn deren Biographie ist kompliziert. Als Junge in der Nähe von Bremen geboren, wird Ratjen fälschlich von der Hebamme als Mädchen deklariert und von den Eltern als Tochter aufgezogen.

Der Film behauptet, dass die NS-Reichssportführung Ratjens Geschlecht kannte und ihn erpresste, gegen Bergmann anzutreten. Und mehr noch: Der Film suggeriert, dass erst die Nazis Ratjen zum Sportstar aufbauten. "Ratjen war seit 1934 wiederholt Gaumeister, 1936 sogar deutsche Meisterin", weiß jedoch Historiker Berno Bahro von der Uni Potsdam. Ratjen tauchte 1936 demnach nicht aus dem Nichts auf, sondern hatte eine mühsam erkämpfte Sportkarriere hinter sich. Ratjen wäre im Olympiakader gewesen, auch wenn es Gretel Bergmann nie gegeben hätte. Der Film hingegen reduziert Ratjens Rolle auf die einer von den Nazis gegen Bergmann in Stellung gebrachten Gegenspielerin.

Die Darstellung der Potsdamer Sporthistoriker wird mittlerweile auch durch vom Spiegel publizierte Polizeiakten gestützt. Erst zwei Jahre nach den Spielen erfuhren demnach die Nationalsozialisten, dass es sich bei der Athletin um einen Mann handelte. Unrasiert wurde Ratjen 1938 auf einer Zugfahrt von Wien nach Berlin von der Polizei aufgegriffen. In den Polizeiakten notierte der zuständige Kriminalbeamte, Dora sei niemals aufgeklärt worden, dass sie ein Mann sei. Ratjens Oberkörper sei "mädchenhaft zart". Am 10. September 1939 wird das Ermittlungsverfahren wegen Betruges eingestellt. Dora nimmt offiziell den Namen Heinrich Ratjen an.

Auf den Vorwurf, der Film nehme es nicht so genau mit der historischen Wahrheit, reagiert Regisseur Kaspar Heidelbach gelassen. Für die Vermarktung seien andere verantwortlich, auch der Untertitel des Films "Die wahre Geschichte einer Siegerin" stamme nicht von ihm. "Mir kann ja eine kontroverse Diskussion um den Film nur gut tun", so Heidelbach. "Vielleicht treibt das mehr Leute ins Kino." Von Heinrich Ratjen sind keine Beschwerden zu erwarten. 2008 ist er, abgeschirmt von seiner Lebensgefährtin, verstorben.

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