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„Der Babadook“ Nichts zum Einschlafen

Wenn Gutenachtgeschichten Horror wecken: Der australische Thriller „Der Babadook“ von Jennifer Kent ist der gruseligste Film seit Jahren.

"Der Babadook", hier: der schwierige Junge, gespielt von einem Naturtalent namens Noah Wieseman. Foto: Capelight

Gute Horrorfilme sind so selten geworden wie Spukhäuser in noblen Villenvierteln. Und wie in der Architektur ist zwar vieles gut gebaut und durchaus funktional – aber Stil hat doch das Wenigste.

Der australische Thriller „Der Babadook“ lässt dagegen schon in seinem ersten Akt, nach aller Genrekonvention noch beinahe gruselfrei, keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier andere Baumeister am Werk sind. Wie es sich gehört, spätestens seit Hitchcocks „Psycho“, wiegt uns Regisseurin Jennifer Kent erst einmal in der falschen Sicherheit eines zweiten, wenn man so will, bürgerlicheren Genres. Nach einer kurzen, dramatischen Exposition – eine Schwangere erleidet einen Autounfall auf dem Weg zur Entbindung, bei dem ihr Mann stirbt – entwirft sie erst mal ein sensibles Familiendrama.

Aufopfernd kümmert sich die alleinstehende Mutter (Essie Davis) um ihren inzwischen siebenjährigen Sohn, der mehr Aufmerksamkeit braucht als andere Kinder. In der Grundschule sieht man sich schon nach dem ersten Schuljahr völlig überfordert.

Gleichzeitig hyperaktiv und überängstlich, ist sein Lieblingsspielzeug eine archaische, selbst gebastelte Armbrust; weniger freilich aus Gewalttätigkeit, sondern weil er im Glauben lebt, seine Mutter beschützen zu müssen vor allem, was ihn selber ängstigt. Gutenacht-Geschichten muss man ihm zweimal vorlesen, bis er sich endlich einzuschlafen traut. Bis dann plötzlich ein Bilderbuch auftaucht, das seine Mutter schon beim Lesen wieder ängstlich zuklappt.

Es heißt „Mister Babadook“ und erzählt in finsteren, semi-abstrakten Pop-Up-Bildern die alte Mär vom schwarzen Mann. Das Buch ist nicht mehr loszuwerden. Man kann es zerreißen und in die Mülltonne werfen – am nächsten Tag liegt es, mit grobem Tesa geflickt, wieder vor der Tür.

Die ganz große Angst

Aha, denken wir, die wir schon mehr Gutenacht-Geschichten kennen als der kleine Junge – und vor allem Horrorfilme gesehen haben – so also läuft der Hase weiter. Schon knarrt es nachts im Gebälk und flüstert böse: „Babadook“. Nur, dass es nun nicht mehr nur das Kind, sondern auch die Mutter ist, die unter den Angststörungen leidet. Oder ist der Horror am Ende doch „real“? Hier ist der springende Punkt: Ängste sind ja stets real, ob sie nun einen Anlass in der Außenwelt haben oder nicht.

Roman Polanski stellte den Zuschauer mit seinem Klassiker „Ekel“ vor die gleiche, letztlich unerhebliche Frage: Sind es bloß Innenwelten, die sich durch Risse in den Wänden sichtbar machen? Oder befinden wir uns in einer Umgebung, die jeden verrückt machen würde?

Auch die in der Filmgeschichte sichtlich bewanderte Jennifer Kent lässt ihre tragische Heldin ein Loch in der Tapete finden, heraus krabbeln Kakerlaken, die uns bald durch den Film verfolgen. Und in einer schönen Schwarzweiß-Montage – die Frau ist vor dem Fernseher eingeschlafen – treibt der Babadook sein Unwesen stilecht in einem Stummfilm des Zauberkünstlers Georges Méliès. Doch diese Zitate sind weit entfernt von Koketterie. Es gibt Dämonen in diesem Film, aber keine Dämonisierung: Wer am Anfang befürchtet haben mag, der schwierige Junge, gespielt von einem Naturtalent namens Noah Wieseman, sei wie frühere Horrorkinder vom Teufel besessen, zittert bald mit ihm.

Denn nun verfolgt ihn nicht nur der Babadook, er ist auch von einer zunehmend verwirrten Mutter umgeben – das eigentliche Horrorszenario. Angezogen setzt sie ihn einmal zu sich in die Badewanne, weil es dort so schützend warm sei. Und das ist, wie man sich denken kann, nur die Ruhe vor dem Sturm.

Wer sich in diesem Genre auskennt, ist William Friedkin, der Regisseur von „Der Exorzist“. „Ich habe nie einen gruseligeren Film gesehen als ‚Der Babadook‘“ begeisterte er sich auf Twitter, „er wird Sie zu Tode erschrecken, so wie mich.“ Tatsächlich aber ist die Gänsehaut, die dieser meisterliche Film erweckt, weit mehr als ein inszenierter Effekt.

Dass dieser Thriller derart unter die Haut geht, liegt allein an der Einfühlsamkeit, mit der die Filmemacherin in die fragile Mutter-Kind-Beziehung eintaucht. Was sie interessiert, der Schrecken, den sie mit uns teilt, ist nicht der „schwarze Mann“, so stilvoll-gespenstisch er auch in seiner Bilderbuch-Darstellung gelungen ist. Es ist der Einsturz des intimsten aller Schutzräume – der kindlichen Geborgenheit.

Babadook. Regie: Jennifer Kent, Australien 2014. 94 Min.

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