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„Denk ich an Deutschland in der Nacht“ Beseelte Elektronik

Romuald Karmakar hat der schwer fasslichen Clubkultur einen perfekten Film gewidmet. Die Schönheit von „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ liegt in seiner schwingenden Reduktion aufs Wesentliche.

„Denk ich an Deutschland in der Nacht“
Move D wirft in einer Sommerlandschaft die lyrischsten Assoziationsketten in den Raum.

Als man in der Filmwelt noch darüber stritt, was denn eigentlich das Filmische ausmache, nannten die einen den Schnitt: Nur in der Montage von Bildern finde das Kino zu sich selbst. Andere argumentierten, ganz im Gegenteil bestehe das Wunder des Films im einzelnen, bewegten Bild und nannten es das „cinema pur“. Wiederum andere argumentierten, die Frage nach dem „filmischen Film“ sei vollkommen müßig, schließlich fordere ja auch niemand das „literarische Buch“.

In seinen Dokumentarfilmen geht Romuald Karmakar auf Nummer sicher. Er wählt Sujets, die sich von selbst der Darstellbarkeit, manchmal vielleicht sogar der Vorstellbarkeit ein gutes Stück entziehen. So entstanden seine zwei Filme über Hassreden, „Das Himmler-Projekt“ und „Die Hamburger Lektionen“. Aber auch seine nunmehr vier Filme über elektronische Musik und DJ-Kultur muss man dazu zählen.

Das fängt schon mit der Clubatmosphäre an. Selbst in den aufwändigsten Spielfilmen gehen Discoszenen meist gründlich daneben. Weder Bild noch Ton, geschweige denn der Flow einer Musikperformance teilen sich mit. In der Zusammenarbeit mit Frank Griebe, dem Bildgestalter der Tom-Tykwer-Filme, löst Karmakar diese Barriere geradezu spielerisch. Dazu gehören auch stille Sequenzen unbespielter Clubs bei Tageslicht.

Die noch größere Leistung aber liegt in der sprachlichen Vermittlung der entscheidenden Aspekte der Musikkultur, um die es hier geht: Die Entstehung und Entwicklung der elektronischen Tanzmusik in Deutschland und ihrer internationalen Bedeutung. Anstelle der Interview-Statements üblicher Musikdokumentationen hat Karmakar von seinen fünf Protagonisten außergewöhnliche Reflexionen eingefangen, die sich gleichberechtigt in die Clubsequenzen einfügen.

Für den Frankfurter DJ Ata ist die elektronische Tanzmusik ein riesiger Teppich, dessen Enden man nicht sieht. In der Tat: Sich in seine Strukturen zu vertiefen, kommt einer endlosen Initiation gleich, bei der die nachfolgende Generation punktuell an Klassiker andockt und Neues hineinwebt – während die Veteranen wiederum ständig die neuesten Platten hören und in ihre Sets einarbeiten. Atas eigene Initiation ließ ihn als Teenager gleichzeitig Kraftwerk und Herbie Hancock entdecken. Und so wie er im Kleinen die kühle deutsche Technik mit der beseelten amerikanischen Musik verband, das Analytische mit den Vibes des Augenblicks, geschah in US-Clubs das Gleiche und es wurde „house“ daraus.

Ricardo Villalobos greift noch weiter in die Vergangenheit, geht zurück zu den elektronischen Experimenten in der Neuen Musik und beschreibt den Konsens, den die einfachen Parameter rhythmischer Musik in den Einsamen einer Nachtgesellschaft entfacht. Für Sonja Moonear aus Genf gab es dabei in ihrer Heimat zunächst die Hürden des Calvinismus zu überwinden. Roman Flügel beschreibt den Einfluss terroristischer Bedrohung auf die Partykultur. Der Heidelberger Move D schließlich wirft in einer Sommerlandschaft die lyrischsten Assoziationsketten in den Raum: Vom Reichtum der natürlichen Klänge über die akustische Tragfähigkeit von Zugluft, die man als Kind durch die Türritze erschnuppert, bis zu dem Erlebnis, vom Vater in Kubricks „2001“-Film mitgenommen worden zu sein.

Und schon ist das Kino doch wieder bei sich angekommen, im Allerheiligsten, dem, das nur ihm selbst gehört, weil es sonst eben nicht darzustellen ist.

„Denk ich an Deutschland in der Nacht“ ist ein vollkommen unprätentiöser Film, und doch führt er so weit in die Klangkultur ein wie etwa Philip Grönings „Die große Stille“ auf seine ganz andere Art in das Schweigen einführte. Man kann nur ahnen, wie viel Material gedreht werden musste, um zu einer solchen Präzision und Freiheit zu finden. Und gerade in diesen beiden Eigenschaften insbesondere die deutsche Szene zu porträtierten.

Der Zeitpunkt könnte nicht besser gewählt sein. Für Ata sind die Zentren der elektronischen Musik New York und London, doch die größten und besten DJs momentan aus Deutschland. Gleichzeitig belegt etwa die Wiederentdeckung von Krautrock-Pionieren wie Manuel Göttsching, der im März ein gefeiertes Konzert im Londoner Barbican Center gab, die Aktualität des Themas. Doch es wäre leicht gewesen, viel weiter auszuholen oder den epischen Eindruck einer geglückten Clubnacht nachzubilden, wie es Karmakar in seinem überlangen „Villalobos“-Porträt gelang. Die Schönheit dieses Films liegt dagegen in seiner schwingenden Reduktion aufs Wesentliche.

Denk ich an Deutschland in der Nacht. Dokumentarfilm, D 2017. Regie: Romuald Karmakar. 105 Min.

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