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Dem Regisseur Akira Kurosawa zum 100. Alter Meister

In seinen Filmen kam er der japanischen Kunstwirkung nahe wie kaum ein anderer. Doch machte er mit Meisterwerken "Rashomon", "Sieben Samurai" und "Ran" besonders im Westen Furore. Am 23. März wäre Akira Kurosawa 100 Jahre alt geworden. Von Daniel Kothenschulte

Toshiro Mifune als Kigushiyo im Film "Sieben Samurai" von Akira Kurosawa, der am 26. April 1954 Premiere hatte. Foto: afp

Die japanische Filmkultur gehört zu den reichsten der Welt. Schon in der Stummfilmzeit erlebte das Land seine erste klassische Periode, fanden die Meister Ozu, Mizoguchi und Naruse zu ihrem Stil. Dass der Westen keine Notiz von ihr nahm, kümmerte diese filmische Hochkultur wenig. Erst in der Nachkriegszeit staunte dann die ganze Welt über das japanische Kino, das gerade seine zweite Klassik feierte. Obwohl die alten Meister noch aktiv waren, feierte man damals vor allem einen jüngeren Künstler, dessen Name für Cinephile zu einem Zauberwort wurde. Wer "Kurosawa" sagte, der kannte Kino. Heute wäre der Regisseur hundert Jahre alt geworden.

"Man wirft mir vor", sagte er am Ende seines Lebens, "ich hätte meine Filme für den Westen gedreht, aber das stimmt nicht. Filme sind doch universal, wie die menschlichen Gefühle, sie schaffen eine direkte Begegnung zwischen den Kulturen. John Wayne ist für mich kein Fremder."

Und umgekehrt: Vor allem US- Regisseure ernannten den Filmemacher aus dem ehemaligen Feindesland zu ihrem Verbündeten. Als der Western-Routinier John Sturges 1960 aus Kurosawas Meisterwerk "Die sieben Samurai", das 1954 mit einen Silbernen Löwen in Venedig geehrt worden war, einen Routine-Western drehte, blieb dem Japaner als Antwort nur nobles Schweigen. Doch als welche Grobheit musste ihm dieser Unterhaltungsfilm erscheinen. Noch mehr Nachahmer fand ein weiterer Samurai-Film, "Rashomon", der Venedig-Gewinner von 1950. Aus immer neuen Perspektiven erschließt sich dieser hypnotische Kriminalfilm seine Geschichte - bis die Wahrheit selbst nur noch ein Produkt der Erzählkunst scheint.

Ein wirkliches Doppeltalent

In der Nachkriegszeit erlebte Japan einen Boom westlicher Einflüsse, Kurosawa entschied sich für die Klassiker: Drei seiner bekanntesten Filme aus den 50er Jahren sind Literaturverfilmungen nach Dostojewski ("Der Idiot"), Gorki ("Nachtasyl") sowie Shakespeares "Macbeth" ("Das Schloss im Spinnwebwald"). Seine Handschrift aber blieb der japanischen Malereitradition verpflichtet, die er zuvor als bildender Künstler studiert hatte. Kurosawa überführte diese japanischen Bildauffassungen in moderne Fotografie. Das bevorzugte Mittel war das Teleobjektiv, das eine völlig unwirkliche Flächigkeit generierte. Regenströme legen sich in "Rashomon", "Ran" und ganz besonders in den Kampfszenen der "Sieben Samurai" wie Holzschnitt-Schraffuren über das Geschehen.

Ein anderes Mittel, traditioneller japanischer Kunstwirkung nahe zu kommen, erschloss sich Kurosawa erst spät. Es war der Farbfilm, den er seit 1970 ("Dodesukaden/Menschen im Abseits") nutzte und stets anti-naturalistisch auffasste. Seine Farbdramaturgien erreichten ihre höchste Stilisierung in "Ran" (1985). Zugleich ist dieser prächtige Historienfilm aber auch eine Mahnung daran, dass auch in der Opulenz noch Konzentration und Beschränkung in der Darstellerführung möglich und entscheidend sind.

Anders als alle anderen großen malenden Regisseure, Fellini eingeschlossen, war Kurosawa ein wirkliches Doppeltalent. Ebenso gut hätte er Maler werden können. Seine Filmprojekte beflügelten das brach liegende Talent zu Bildzyklen in Öl, Aquarell, Kreide und Tusche von einer ungezwungenen und stets stilsicheren Direktheit, gewagt und betörend in ihrer offensiven Koloristik.

Mitte der 70er Jahre, als die Realisierung seines Mammutwerks "Kagemusha" immer unwahrscheinlicher wurde, erschuf er den Film auf dem Papier. Es war ein ungefilmter Film, so wie Emil Nolde seine ungemalten Bildern malte - und der Vergleich ist auch ästhetisch nicht abwegig. Wie bei Kurosawas Filmen kann man bei den Aquarellen nicht mehr benennen, was traditionell japanisch, fauvistisch, expressionistisch geprägt ist. Dass es dann doch noch zu einer Realisierung dieses Monumentalfilms kam, war schließlich der guten Seite seines amerikanischen Erfolgs zu danken. Die Kurosawa-Fans Francis Ford Coppola und George Lucas engagierten sich als Koproduzenten.

Er kopierte Van Gogh

Was wurde nicht in letzter Zeit über die Beziehung von Kunst und Kino spekuliert, was hat man nicht alles gesehen an Zeugnissen der gegenseitigen Annäherung. Doch die erstaunlichsten Produkte dieser Beziehung sind vielleicht die Filme Kurosawas. Als das Frankfurter Filmmuseum im Jahre 2004 dem Regisseur eine Ausstellung widmete, fand sich darin auch ein unglaubliches Stück Malerei. Es war Vincent van Goghs "Kornfeld mit Krähen", originalgetreu in Öl kopiert von keinem Geringeren als Kurosawa selbst.

Man bekam einen kleinen Schreck, so beiläufig hatte das Filmmuseum das Bild in zweiter Reihe versteckt. Man musste sich das einmal vorstellen: In den späten Achtzigern, einer Zeit also, da sich jeder größere japanische Konzern einen van Gogh für die Chefetage leisten zu können meinte, malte sich der berühmteste Künstler des Landes seinen eigenen. Während also die Schwertlilien und die Sonnenblumen märchenhafte Preise in einer Zeit märchenhaften Wohlstands erzielten, stand Akira Kurosawa vor der Leinwand und setzte für das Requisit einer kurzen Einstellung seines Film "Träume" Pinselstrich an Pinselstrich.

Martin Scorsese spielt in diesem verfilmten Traum des Regisseurs den Maler, der durch seine Bilder spaziert als wären sie tatsächliche Landschaften. Man hätte sich die Aufnahme auch anders beschaffen können. Den Malakt kann man nicht anders lesen als Akt der Demut, eine Art privates Tauschangebot für van Goghs Kopien japanischer Holzschnittkunst. Es war jene Mischung aus Sorgfalt und Hingabe, mit der Kurosawas Filme westliche und japanische Traditionen verschmolzen.

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