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„Dating Queen“ Monogamie ist eine Erfindung

Die Hollywoodkomödie „Dating Queen“ macht bekannt mit der erstaunlichen Komikerin Amy Schumer und ihrem radikalen Spiel mit Geschlechterrollen.

Romantische Komödien handeln stets von der Überwindung der Barrieren zwischen den Geschlechtern. Amy und Aaron: Amy Schumer und Bill Hader. Foto: dpa

In amerikanischen Medien wird Comedy-Star Amy Schumer derzeit häufiger mit Donald Trump verglichen. „Wäre es nicht lustig“, fragte etwa die „Washington Post“, „wenn Donald Trump und die immens populäre feministische Komikerin auf demselben Ticket für die Präsidentschaft kandidierten?“ Gemein sei dem ungleichen Paar schließlich eine Vorliebe für rassistische Witze. Auf eine solche Verkürzung muss man erst einmal kommen, aber sie sagt einiges aus über das widersprüchliche Verhältnis der amerikanischen Öffentlichkeit zur so genannten politischen Korrektheit.

Wer gegen diese zu Felde zieht, kann sich eines Massenpublikums sicher sein. Es mag schon sein, dass Trump, der reaktionäre Populist, und Schumer, die subversive Kritikerin weiblicher Rollenbilder, die gleichen Verhaltensregeln attackieren. Doch ein gemeinsamer rhetorischer Gegner macht sie kaum zu Verbündeten. Wenn Trump bei seiner ersten großen Wahlkampfrede alle Mexikaner als Drogendealer und Vergewaltiger attackierte, lag darin nichts Witziges. In Deutschland hieße so etwas Volksverhetzung.

Für Schumer hingegen, die in einem Sketch erklärte: „Früher habe ich mich gern mit Latinos verabredet, heute ist mir einvernehmlicher Sex lieber“, ist Selbstironie Teil der Performance. „Ich spiele eine unverbesserliche Idiotin, die das dümmste Zeug von sich gibt“, erklärt sie ihre Rolle einer unbeirrbaren sexuellen Freibeuterin, in der sie von einem Fettnapf in den nächsten tritt.

Alle großen Komiker erfinden unverwechselbare Charaktere, die häufig ihre eigenen Namen tragen. So spielt auch Amy Schumer in ihrer ersten Kinohauptrolle diese Amy, die ihr Geld als Autorin für ein Männermagazin verdient. Eine herrische Chefredakteurin (Tilda Swinton) bedient den Markt männlicher Wunschvorstellungen souverän und spielt zugleich die Schreiberinnen gegeneinander aus. Wenn sie die pragmatische Sexkolumnistin und Sportverächterin Amy nun beauftragt, einen Sportarzt und typischen Frauenschwarm zu porträtieren, führt sie diese mit durchaus böswilliger Absicht an ihre vermuteten Grenzen.

Romantische Komödien handeln stets von der Überwindung der Barrieren zwischen den Geschlechtern. Immer ist dabei etwas zu knacken, unsichtbare Keuschheitsgürtel ebenso wie raue Männerschalen, nur hier ist alles einmal über Kreuz gedreht. Eine – im übrigen nach Illustriertenstandards kaum besonders attraktive – Sexverliebte gerät an einen überraschend unschuldigen Engel in Weiß. Ihn ins Bett zu kriegen ist für sie Routine, erst das Abschütteln wird zum Problem. Denn der von „Saturday Night Live“-Komiker Bill Hader gespielte Aaron Conners hat ein hochromantisches Herz, wie man es im klassischen Hollywood eher Frauenfiguren attestierten würde.

Aber ein einfacher Twist der Rollenbilder ist dies nicht – dafür ist die Figur der Amy zu komplex. Sie ist alles andere als ein Spiegelbild männlicher Eroberungsfantasien, sondern im Gegenteil ein hochneurotischer Charakter. Ihr Vorbild ist ein Vater, der seine Familie nicht verließ, ohne noch vorher eine Predigt über die Unmöglichkeit des Konzepts der Monogamie zu halten.

Nah am Alkoholismus, ist die Figur der Amy alles andere als die stolze „Dating Queen“ des euphemistischen deutschen Titels. „Trainwreck“. Die originale Überschrift sieht sie ganz im Gegenteil als „Zugwrack“, was im übertragenen Sinne eine unabwendbare Katastrophe meint.

Das alles klingt eher nach einem Drama als nach einer Komödie, doch Amy Schumers selbstverfasstes Drehbuch ist eine Sammlung zum Teil herrlich absurder Situationen und grotesker Pointen. Regisseur Judd Apatow, seit „Jungfrau (40), männlich, sucht…“ Hollywoods führender Spezialist für die absurde Spielart romantischer Komödien, lässt keine Vorlage ungenützt. Nur wäre dies wohl ein weit besserer Film, wenn man viel davon gestrichen und dem Drama mehr Raum gegeben hätte. Und vor allem den männlichen Figuren mehr Profil. Der in Liebesdingen unerfahrene Frauenschwarm wird den ganzen Film über nicht wirklich lebendig. Die einzig glaubhafte Männerfigur ist sein bester Freund, ein hoch bezahlter Basketball-Profi, der peinlich auf seine Ausgaben achtet und auch in Liebesfragen als Stimme der Vernunft agiert. Kein Wunder, dass diese Figur so gut funktioniert: Der darstellerisch begabte Basketball-Superstar LeBron James spielt sich in der Rolle selbst.

Es hätte nicht viel dazu gehört, die tragische Dimension der Hauptfigur noch etwas zu vertiefen. So ist es eine mit 124 Minuten überlange, aber alles andere als epische Komödie geworden. Sehenswert ist sie jedoch in jedem Fall. Seit in den frühen Dreißiger Jahren die große Komikerin Mae West das Rollenbild des selbstbestimmten Vamps ebenfalls mit eigenen Filmstoffen etablierte, hat Hollywood auf ein ähnliches Talent gewartet. Auch wenn Amy Schumer äußerlich geradezu die Antithese dieser betörenden Leinwandikone ist – für eine an chronischer Realitätsferne leidende Filmindustrie ist sie ein ähnlicher Segen.

Dating Queen. USA 2015. Regie: Judd Apatow. 124 Min.

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