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„Das schweigende Klassenzimmer“ Der Staat frisst seine Kinder

Lars Kraume blickt wieder in deutsche Geschichte: „Das schweigende Klassenzimmer“.

Szene aus "Das schweigende Klassenzimmer"
Aus Schülerinnen und Schülern machte das Regime Klassenfeinde. Foto: Julia Terjung/StudioCanal/dpa

Es war ein Versuch, mit den bescheidenen Mitteln, die man als Schüler hat, einen Protest zu zeigen. Es war eine Idee auch, sich als Gemeinschaft zu beweisen. Doch dadurch veränderte sich das Leben für alle Beteiligten. Als am 25. Oktober 1956 mehr als 100 Demonstranten in Budapest erschossen wurden, beschließen tags darauf die Schüler einer Abiturklasse in Storkow, rund 50 Kilometer südöstlich von Berlin, zu Beginn des Unterrichts drei Minuten zu schweigen. Fünfzig Jahre später erschien ein Buch darüber, Dietrich Garstka, der damals dabei war, hatte seine Erinnerungen um Interviews mit den ehemaligen Mitschülern und Aktenrecherche angereichert: „Das schweigende Klassenzimmer“. 

Der Regisseur Lars Kraume, der sich mit seinem Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ einen Namen gemacht hat als akribischer Geschichts-Erkunder, übernahm Garstkas wunderbar symbolischen Titel. Und er schöpfte auch sonst stark aus dem historischen Material. So zeigt seine Zeitreise in die fünfziger Jahre der DDR die finsteren Mechanismen der DDR-Bildungspolitik, mindestens der frühen Jahre. Nicht „Einer für alle“ galt als Regel damals, „Alle für einen“ wurde von oben gefordert: Wenn eine Schulklasse einen Rädelsführer deckt, darf eben niemand von ihr das Abitur machen. 

Insofern ruft dieser Film starke Eindrücke hervor: Es ist quälend zu sehen, wie nach der Methode der Sippenhaft Menschen die Zukunft geraubt werden soll. Und nicht wenige Zuschauer, die viel später im Osten zur Schule gingen, werden sich an Momente erinnern, da öffentliche Tadel und Belobigungen, Klassenfahrtverbote und Arbeitseinsätze als Druckmittel fungierten. Die große Beklemmung, die der Film erzeugt, entsteht aber nicht, weil man sich beim Zuschauen ständig Gedanken machte über die politischen Verhältnisse. Der Regisseur und seine Schauspieler, das junge Ensemble genauso wie die Stars in den Nebenrollen, erschaffen zunächst eine beschwingte Atmosphäre des Aufbruchs und der jugendlichen Begeisterung. Umso emotionaler wirkt der Absturz. Mit dem Handlungsort Stalinstadt, wie Eisenhüttenstadt von 1953 bis 1961 hieß, gibt Lars Kraume einen Schauplatz vor, wo die junge DDR sich damals musterhaft präsentierte und noch heute mit eindrucksvollen Drehorten aufwartet. 

Theo und Kurt haben im Kino in West-Berlin in der „Wochenschau“ von dem ungarischen Protest gegen die sowjetische Präsenz erfahren, was in ihren Zeitungen nicht berichtet wurde. Die beiden Jungen tragen ihre Begeisterung zu ihren Freunden, heimlich treffen sich bald alle aus der Klasse zum Rias-Hören. Die Treffen laufen wie Partys ab, der Mut der ungarischen Studenten steckt an. Als das West-Radio vom blutigen Gegenschlag in Budapest berichtet, entsteht die Idee der Schweigeminute: spontan, fast euphorisch. 

Mit einer Szene kippt die Stimmung des Films. Das ist, wenn die Schulrätin in die Klasse kommt und Schuldige sucht. Jördis Triebel spielt sie mit kühler Autorität. Von da an sind die Jugendlichen, die vorher so locker miteinander umgingen, gehetzt. Und als der Volksbildungsminister einschreitet, ein selbstgerechter Herr (Burghart Klaußner), steht auch der bisher um Vermittlung bemühte Direktor (Florian Lukas) nur noch wie ein dummer Junge herum. Wie lange bleibt die Klasse bei ihrem Schweigen? Wann meldet sich der erste und benennt die Ideengeber? Jede Familie leidet, wenn das Kind aus politischen Gründen von der Schule fliegen soll. Wie kleine Inseln im Fortgang des Geschehens sind Szenen eingebaut, die dieses Ausmaß andeuten. Theos Vater (Ronald Zehrfeld) arbeitet auf Bewährung im Stahlwerk. Kurts Vater ist beim Rat der Stadt. Erik erfährt, dass sein verstorbener Vater nicht der Held war, für den er ihn hielt. 

Theo und seinen Freunden gelang wie dem Buchautor Dietrich Garstka und der Mehrheit seiner Mitschüler die Flucht in den Westen. Die Mauer stand noch nicht und in der Weihnachtszeit waren die Kontrollen weniger streng. Was der Film nicht zeigt, arbeitet danach im Kopf weiter: Erst 33 Jahre später konnte man wieder problemlos hin und her reisen. Die Mehrzahl der Akteure von damals wird ihre Familien nie wiedergesehen haben.

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