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„Das dunkle Gen“ Von der Schönheit der Gene

„Lebe ich mein Leben, oder lebt es mich?“, fragt Frank Schauder in „Das dunkle Gen“: Eine ästhetisch überwältigend gelungene, sehr berührende filmische Suche nach dem Ursprung der Depression.

12.06.2015 17:06
Susanne Lenz
Mann im Schnee in "Das dunkle Gen". Foto: Real Fiction

Sind wir Maschinen, gesteuert von biochemischen Vorgängen, determiniert durch unsere Gene? Oder sind wir Herr unseres Schicksals? Sind wir abhängig oder frei? Was bedeutet das, was wir über unser Erbgut wissen, für uns? Welche gesellschaftlichen Dimensionen hat es? Um solche existenziellen Fragen geht es in „Das dunkle Gen“.

Der Film stellt sie Frank Schauder, Arzt und Patient. Eine schwere Depression unterbrach seine Karriere: Er konnte nicht mehr arbeiten, schloss sich über ein Jahr in seiner dunklen Wohnung ein, bevor er in eine Klinik ging. „Ich fühle mich, als wenn ich in einer Badewanne sitze, deren Wände immer höher werden. Ich will heraus und weiß, ich schaffe es nicht.“ Er hat versucht, sich das Leben zu nehmen.

Es wundert einen nicht, wenn man erfährt, dass Schauder und die beiden Regisseure sich während ihres Studiums kennengelernt haben. Dieser Film war nur auf der Basis dieses in 20 Jahren aufgebauten Vertrauens möglich. Frank Schauder lässt seine einstigen Kommilitonen teilnehmen an seiner Suche nach dem Ursprung und Grund seiner Krankheit, nach dem dunklen Gen. Er hat sich aufgemacht, weil er sich als Neurologe für so etwas interessiert, aber auch, weil er tatsächlich hofft, Hinweise für den Umgang mit dieser Krankheit zu bekommen. Er ist nicht der einzige in seiner Familie, der unter Depressionen leidet, und fürchtet, er könne sie seinem 16 Jahre alten Sohn vererbt haben.

Frank Schauder reist durch Europa bis in die USA, um sich mit Spezialisten zu treffen. Schon an der Auswahl kann man ablesen, dass es ihm um die biologischen Aspekte der Krankheit geht, nicht um die psychischen. Er trifft Molekularbiologen, Psychiater, Genom-Forscher, Humangenetiker, Leute vom New Yorker Gemeinschaftslabor Genspace.

Es sind keine Gespräche von Wissenschaftler zu Wissenschaftler, die er führt. Schauder stellt Fragen wie ein neugieriger Philosoph. „Fühlen Sie sich wie Gott?“, will er etwa von dem Molekulargenetiker George Church wissen, der glaubt, er könne bald Altersprozesse im menschlichen Körper stoppen oder gar rückgängig machen. „Lebe ich mein Leben, oder lebt es mich?“, fragt Frank Schauder. Wie hilflos und ohnmächtig einen diese Krankheit macht, kann man diesen Worten entnehmen.

Das Unsichtbare sichtbar machen

Doch der Film nähert sich dem, was in unserem Gehirn, in unseren Zellen vorgeht, auch auf andere Weise. Die Macher nutzen die Arbeit einer Gruppe von Italienern, die unter dem Namen Scivis (Scientific Visualisation) das Unsichtbare in Form von aufregenden Videos sichtbar machen.

Das Tolle ist, dass diese Filme keine Fantasieprodukte sind. Die Gruppe arbeitet mit einer Software, die aus wissenschaftlichen Daten 3D-Modelle von Proteinen und Molekülen, von Botenstoffen und Rezeptoren kreiert und ihre Bewegungen nachvollzieht.

Wie Schneegestöber sieht manches aus, wie psychedelische Bilder – allerdings in Grauschattierungen. Und überraschenderweise ist das, was da in uns geschieht, anrührend und wunderschön. Man kann plötzlich den Genomforscher Ivo Gut verstehen, für den sich Gott in der Natur manifestiert.

Die ebenfalls überwältigende Musik stammt von der irischen Komponistin Deirdre Gribbin, die sich dem Erbgut auf ihre Weise nähert. Ihr Sohn wurde mit Down Syndrom geboren. Seitdem beschäftigt sie sich mit dem menschlichen Genom, der Sequenz der DNA-Basen A, G, C und T. Es interessiert sie, wie viel diese Strukturen mit Musik zu tun haben und „Hearing Your Genes Evolve“ komponiert. Es ist, als ob alles mit allem zusammenhängt in einem genialen, sich selbst entwickelnden System.

Aber das Wichtigste in diesem Film ist Frank Schauder – sein Gesicht, dem man dabei zusehen kann, wie es, wie dieser Mensch die Krankheit hinter sich lässt. Am Ende zieht er die Uniform an, die all seine Gesprächspartner trugen, den weißen Arztkittel.

Das dunkle Gen. D/Schweiz 2015. Regie: Miriam Jakobs, Gerhard Schick. 99 Minuten.

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