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„Darkest Hour“ Psychologische Innenansichten der Macht

Gary Oldman gibt im Biopic „Darkest Hour“ Churchill als höchst widersprüchliche Figur.

Szene aus „Darkest Hour“
Kristin Scott Thomas und Gary Oldman als Clementine und Winston Churchill. Jack English/Focus Features Foto: Jack English/Focus Features

Man könnte eine Geschichte des Kinos nur über seine Darstellungen des Zweiten Weltkriegs schreiben: Von der zeitgenössischen Propaganda, die sich manchmal sogar zur Kunst aufschwang, über die Versuche einer populären Vergangenheitsbewältigung in der Nachkriegszeit bis zu jenem makabren Komödienboom, Richard Attenboroughs Musical „Oh! What a Lovely War“ oder Spielbergs „1941“. Derselbe Regisseur prägte mit „Saving Private Ryan“ später einen neuen Hyperrealismus. Und zuletzt setzte der monumentale Kunstfilm „Dunkirk“ einen ganz eigenen Akzent, indem er mit hypnotischen Bildern vom Überlebenskampf erzählte. 
Im Frühjahr des Jahres 1940 spielt auch Joe Wrights „Darkest Hour“, der die Regierungsübernahme Winston Churchills und seine ersten fünf Amtswochen nachzeichnet. Eben jene fünf Wochen, die der Evakuierung von Dunkerque vorausgingen. 

Wie ernst es Wright mit seinem Titel meint, zeigen schon die ersten zehn Minuten, eine Art düsteres Vorspiel, in dem der Protagonist noch auf sich warten lässt. In einer Montage aus eindringlichen Wochenschaubildern und nachinszenierten Parlamentsdebatten orchestriert der Regisseur so opulenter Ausstattungsfilme wie „Stolz und Vorurteil“ einen eindringlichen Debattenkrieg: Die Appeasement-Politik unter Premierminister Chamberlain ist am Ende. Die Zeit ist reif für das Comeback eines wortmächtigen Politikveteranen, der keinen Sinn mehr in Verhandlungen mit Hitler sieht. 

Im Dunkeln leuchtet lediglich die Zigarre

Gary Oldman, der schon einmal Dracula verkörperte, gibt Churchill fast überwirkliche Züge. Sein erster Auftritt könnte nicht spektakulärer sein: Im Dunkeln leuchtet lediglich die Zigarre. Und es sind dunkle Aussichten, die er bald darauf mit dem Pathos eines Todesengels verkünden wird. Die Zeit ist reif für Blut, Schweiß und Tränen.

Wie so oft in derartigen Biopics muss man sich erst an die schwere Maske des Hauptdarstellers gewöhnen, an das fast parodistische Spiel mit den berühmten Manierismen des ikonischen Staatsmannes. Ganz wird es nie gelingen, in der Nachzeichnung nur noch das Original zu sehen, aber je länger der Film dauert, desto faszinierender ist dieser leichte Verfremdungseffekt.

Schon das Filmplakat gleicht dem eines Horrorfilms, dabei suggeriert allein die Hauptfigur eine überwirkliche Distanz im ansonsten überaus sorgfältig rekonstruierten historischen Umfeld. Aber genau darin liegt das Faszinosum. Die Höhepunkte von Wrights Film sind nicht die dramatischen Zuspitzungen, die in den Geschichtsbüchern stehen. Es sind Szenen wie jene, in der Churchill mit der überfüllten Londoner U-Bahn fährt und erst nach und nach von den Mitfahrenden erkannt wird. Wie ein Sultan, der sich unter das Volk gemischt hat, fragt er die Leute nach ihrer Meinung und was sie auf dem Herzen haben. Es ist eine höchst zwiespältige Szene, erfunden und doch großartig in ihrer Vision. Ein Augenblick aus einem Propagandafilm, den es nie gab.

Wechsel zwischen Selbstzweifel und Narzissmus

Der Schauer, den solche Momente verbreiten, rührt auch im intuitiven Abgleichen mit der Gegenwart. Wie gefährlich ist der Sympathievorschuss, den charismatische Politiker derzeit wie einen Blankoscheck verbuchen, für die westlichen Demokratien?

Doch in ihrer Irrealität verklärt die Szene nichts. Mehr als um die historische Nachzeichnung geht es in diesem Film um die psychologischen Innenansichten der Macht. Churchill zeigt sich gerade in den erfundenen privaten Szenen – etwa mit seiner von Kristin Scott Thomas gespielten Ehefrau – als fragil, gefangen im steten Wechsel zwischen Selbstzweifel und Narzissmus. Keine gesunde Verbindung eigentlich, aber immer noch sympathischer als die gegenwärtige Lage im Weißen Haus: Dort regiert derzeit der Narzissmus ohne jedes innere Korrektiv.

Darkest Hour, GB 2017. Regie: Joe Wright. 125 Min.  

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