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„Countdown to Zero“ Uranschmuggel in Katzenstreu

Der neue Film des Hollywood-Produzenten Lawrence Bender rüttelt den Betrachter aus dem Irrglauben auf, dass es seit dem Ende des Kalten Krieges keine Gefahr einer nuklearen Katastrophe geben könnte. Der Film zeigt eine Reihe von Szenarien, die unkontrollierbar zum Gebrauch einer Atomwaffe führen können.

Hollywood-Produzent Lawrence Bender konnte sich vor Drehbuch-Angeboten nicht mehr retten, nachdem er 2007 zu seiner eigenen Überraschung mit Al Gores Öko-Doku „An Inconvenient Truth“ 49 Millionen Dollar sowie einen Oscar eingespielt hatte. Jede politische Interessengruppe der USA, gleich, ob es sich um feministische Organisationen, Bürgerrechtsvereinigungen oder Kämpfer für die Gleichstellung Homosexueller handelte, wollte, dass er sich ihrer Sache annimmt.

Bender, der vorher vor allem mit Quentin Tarantino an Filmen wie „Pulp Fiction“ und der „Kill Bill“-Reihe gearbeitet hatte, wurde das alles zu viel. Er wollte zwar gern einen weiteren Film mit einer konkreten politischen Agenda machen, aber das Thema sollte drängend genug sein, dass sich wie bei der „unbequemen Wahrheit“ ein weltweites Publikum dafür findet. Also fragte er sich, welche anderen Bedrohungen für die Menschheit es gibt. Er überlegte ein Weile, ob er einen Film über Hunger oder Armut machen sollte, war sich aber schnell sicher, dass das Thema Nuklearkrieg am besten geeignet ist, Menschen den Atem anhalten zu lassen.

Das Ergebnis war am vergangenen Wochenende in New York und Los Angeles erstmals in ausgewählten Kinos zu sehen. An einem der heißesten Wochenenden, an die man sich hier erinnern kann, konnten sich die Zuschauer in klimatisierten Vorführräumen davon überzeugen, dass der Weltuntergang kurz bevorsteht. Wie schon „Inconvenient Truth“ malt „Countdown to Zero“ ein Szenario, in dem die Apokalypse im Grunde unvermeidlich ist – wenn nicht sofort etwas passiert. Im Abspann werden Webseiten eingeblendet, auf denen man Petitionen unterschreiben und Geld spenden kann, um das Schlimmste doch noch zu verhindern.

Niemand weiß, wer alles Atomwaffen besitzt oder in der Lage wäre, welche herzustellen

„Countdown to Zero“ ist dabei nicht weniger überzeugend als die schlichte aber wirkungsvolle Verfilmung von Al Gores Diavortrag zur Klimakatastrophe. Der Film rüttelt den Betrachter mit Macht aus dem Irrglauben auf, dass es seit dem Ende des Kalten Krieges keine Gefahr einer nuklearen Katastrophe mehr gibt. Er stellt eindringlich dar, dass im Gegenteil die Gefahr viel größer geworden ist. Die Supermächte haben zwar ihr Arsenal um mehr als die Hälfte reduziert. Die Gefahr der Proliferation, das bläut Regisseurin Lucy Walker dem Betrachter ein, ist jedoch viel größer, als die Menge an Sprengköpfen. So unübersichtlich ist, wer Atomwaffen besitzt oder die Fähigkeit, welche zu bauen, dass eine effektive Kontrolle praktisch unmöglich ist. Die Frage, sagt James Baker, Stabschef sowohl unter Ronald Reagan als auch George Bush, ist schon lange nicht mehr, ob es eine nukleare Katastrophe gibt, sondern nur noch wann.

Walker spielt eine Reihe von Szenarien durch, die unkontrollierbar zum Gebrauch einer Atomwaffe führen können. Wir hören ein Interview mit einem Automechaniker, der angereichertes Uran aus Russland herausgeschmuggelt hat. Wir lernen von Physikern und Ingenieuren, wie leicht es ist, eine primitive Atombombe zu bauen, und von Grenzbeamten, wie leicht es ist, Uran in einer Ladung Katzenstreu in jedes Land zu bringen. Wir hören von dem Pakistani A. Q. Khan, dem „Vater der islamischen Bombe“, der Iran und Libyen mit dem Wissen für Bombenbau versorgt. Und wir werden an den japanischen Kult Aum Shinrikyo erinnert, der versucht hat, eine Atombombe zu kaufen.

Weil Boris Jelzin nüchtern war, reagierte er 1995 besonnen auf eine amerikanische Rakete

Vielleicht noch erschreckender sind die Berichte von Beinahe-Katastrophen, wie etwa 1995, als die USA von Norwegen aus eine Aufklärungsrakete in Richtung Nordpol schickten und die Apokalypse nur verhindert wurde, „weil Boris Jelzin nicht betrunken war“, wie ein Zeuge aus dem Kreml berichtet; oder die Schilderungen eines ehemaligen amerikanischen Raketenartilleristen im Rang eines Leutnants, wie leicht es für ihn gewesen wäre, einen nuklearen Weltkrieg in Gang zu setzen.

Um den Schockeffekt dieser Ausführungen zu verstärken, malt Lucy Walker aus, welche Auswirkungen eine schmutzige Bombe von der Größe eines Tennisballs auf eine Metropole wie New York hätte. Man erfährt genau, in welchem Umkreis Gebäude schmelzen und Menschen verdampfen würden, und in welcher Entfernung man einen qualvollen Tod radioaktiver Vergiftung stirbt.

Das Fazit des Films ist simpel. Es gibt nur einen Weg, eine nukleare Katastrophe zu verhindern, und das ist die Abschaffung von Atomwaffen. Um für diese Nulllösung zu werben, hat Walker eine Riege prominenter Advokaten gefunden: Im Film sprechen unter anderem Michail Gorbatschow, Jimmy Carter, Perez Musharraf, Tony Blair und Valeria Plame – jene ehemalige CIA-Agentin, deren Tarnung George Bush aus persönlicher Rache dafür hat auffliegen lassen, dass ihr Mann Joe Wilson die Fabrikation von Beweisen für Massenvernichtungswaffen im Irak aufgedeckt hat.

Barack Obama hat sich der Sache schon verschrieben – die globale Abschaffung von Atomwaffen ist ein wichtiger Baustein seiner Außenpolitik. Allerdings stand zu seinem Amtsantritt auch der Klimaschutz ganz oben auf der Agenda. Die politischen Ergebnisse sind da bislang eher mau – auch wenn Millionen Menschen den Al-Gore-Film bejubelt haben. Die Taktik des aktivistischen Polit-Kinos hat offenbar nur begrenzte politische Wirkung.

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