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Comic-Film Kein Sex mit Hulk

Das grüne Monster ist zurück. Marvel arbeitet an einer Neuerfindung des alten Hollywoodkinos - fürchtet sich aber vor der Spannbreite ihres Helden. Von Daniel Kothenschulte

Ein bisschen zornig: Hulk. Foto: Verleih

Man muss die amerikanischen Ausgaben der Marvel-Comics nur in den Händen halten, ihr grob gerastertes Zeitungspapier hinter den bunten Titelseiten fühlen, um den Unterschied zu ermessen: Wenn etwas schon rein physisch betrachtet so leicht sein kann wie ein Heftchen vom "unglaublichen Hulk", wie verträgt es sich dann mit der schwergewichtigen Verfilmung eines Ang Lee?

Vor fünf Jahren hatte der Taiwanese all seinen künstlerischen Ehrgeiz aufgeboten, um den emotionalen Zwiespalt eines Superhelden wider Willen auf die Leinwand zu bannen. Bruce Banner ist der tragische Dr. Jekyll der Comicwelt, der zum wütenden Rächer wird, sobald er sich nur genug aufregt. Und obwohl er dann kaum mehr Herr seiner Taten ist, seiner Freundin Betty Ross gestehen wird: "Wenn es über mich hereinbricht und ich die Kontrolle verliere... ich mag das."

Ang Lees Film suchte stets nach dem kompletten Bild, in den Spezialeffekten, aber auch in der Psychologie eines nicht allzu komplex angelegten Fantasyhelden. Carl Barks, Erfinder einer ebenfalls zum Cholerischen neigenden Ente, hatte seinen kindlichen Lesern den größtmöglichen Gegenwert für ihre zehn Cents versprochen. Ang Lee wog eine Kinokarte in Gold auf - nur konnte kaum ein Fan etwas damit anfangen.

Seit neuestem kümmert sich die Firma Marvel selbst um ihre Filmadaptionen. Nach dem überraschend abendfüllenden Leinwandauftritt des allerdings auch in gedruckter Form wenig bekannten "Iron Man" bekommt nun Hulk diese Ehre.

Schon in den ersten, ausladenden Actionszenen wird deutlich, wie wenig man im Hause Marvel offenbar mit Ang Lees redefreudigem Psychodrama anzufangen wusste. Es gibt kaum eine längere Dialogszene in den ersten 25 Minuten.

Dafür erzählen diese, was Lee erzählte, gleich ein zweites Mal: Der stets gehetzte Bruce Banner (Edward Norton) erlebt abermals die entscheidende Verwandlung und lernt nebenbei noch einmal die Frau seines Lebens kennen, die leider auch die Tochter eines Generals ist, der ihm sein Geheimnis stehlen möchte, um ein Heer unverwundbarer Hulks in die Gefechte zu schicken.

Der Hulk im Bett

Eine angenehm gereifte Liv Tyler spielt eine Betty Ross, die ihrem Freund so einiges nachsehen muss. Etwa wenn aus dem Sex nichts wird, da er sich dabei vor Aufregung womöglich in den unglaublichen Hulk verwandeln könnte. Aber wäre das eigentlich so schlecht? Welche sexuelle Spannung hatte David Cronenberg in seiner Adaption der "Fliege" aus diesem Verwandlungsmotiv gewonnen. Die Firma Marvel jedoch scheint sich vor der ganzen Spannbreite der Leistungsfähigkeit ihrer Helden zu fürchten.

Dafür füllt man dort Gummianzüge mit hochkarätigen Schauspielern. William Hurt ist der General, und Tim Roth spielt den zweiten Hulk, den dieser auf den echten ansetzt. Die Qualitäten, die Louis Leterriers Film dabei durchaus entwickelt, haben jedoch mit Personenregie nicht viel zu tun. Hier entsteht ein visuelles Kino, das an einer Sprache arbeitet, die sich wortlos erklärt.

In großen Kamerafahrten führt der Filmemacher realistische Schauplätze in das Special-Effekt-Kino ein wie die "City of God" von Rio de Janeiro, und es ist, als hätte man einem Comiczeichner und dessen harten Linien einen impressionistischen Koloristen an die Seite gestellt: Die Bilder werden größer, aber die Charaktere nicht unbedingt tiefer. Das muss man nicht bedauern. Intellektuell ist dieser "unglaubliche Hulk" nicht gerade fordernd, aber wie der "Iron Man" arbeitet er an einer Neuerfindung des alten Hollywoodkinos.

Menschlichkeit für Superhelden?

Insbesondere das ehrgeizige Besetzungsbüro in Marvels Filmabteilung scheint sich mit den großen Filmstudios der Vergangenheit messen zu wollen, indem es eine eigene, dauerhafte Schauspieltruppe für seine Superhelden zusammen trommelt. Robert Downey Jr., der "Iron Man", hat auch in "Hulk" wieder einen Auftritt, bald sieht man ihn im Folgefilm "The Avengers", was nur bedeuten kann, dass man langfristige Verträge abgeschlossen hat.

So entsteht bei Marvel parallel zur Comicwelt eine Art Stock Company, ein festes Ensemble. Vielleicht wird man so über die Jahre noch zu einer Menschlichkeit kommen, die Superhelden für gewöhnlich verwehrt ist: Sie wenigstens auf der Leinwand altern zu sehen.

Der unglaubliche Hulk, Regie: Louis Leterrier, USA 2008, 114 Minuten.

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