Lade Inhalte...

Clint Eastwood "Back in the Game" Heimführung der Sturköppe

Die Welt wird zu klein für Clint Eastwood: „Back in the Game“ führt die guten republikanischen Werte vor. Der Film ist so altmodisch, dass einem der Mund offensteht.

Ausgerechnet diese Augen sollen nicht mehr gut sehen können? Clint Eastwood als Baseball-Scout Gus Lobel am Arbeitsplatz. Foto: Courtesy of Warner Bros. Pictures

Wie die Zeit vergeht, merken viele daran, dass die Garage schrumpft. Auch der alte Gus, gespielt von Clint Eastwood, bekommt sein Auto nicht mehr ohne Beulen vom Grundstück.

Eastwood macht das großartig. Er ist so halsstarrig, so ungebrochen groß in diesem Film, dass man ihm die Behauptung, die Garage werde immer kleiner, gerne abnehmen würde. Und mit der Garage schrumpft das ohnehin bescheidene Heim: Ständig stolpert er über seine Möbel. Es wird eng um den Scout der Atlanta Braves, spätestens seitdem der Verein an Gus’ Fähigkeiten zweifelt, die besten kommenden Baseball-Talente so zielsicher aufspüren zu können wie einst.

Clint Eastwood in der Modernisierungskrise: Seine Methoden sind nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Die Konkurrenz schwört auf Computerprogramme, die die Potenziale der jungen Spieler berechnen. Gus Lobel aber ist alte Schule. Ein Fossil, das seinen Ohren und Augen vertraut.

Ja, wenn er nur könnte! Ausgerechnet die stechenden Eastwood-Augen, sie können nicht mehr richtig gucken. Deshalb purzelt er über sein Fußbänkchen. Und deshalb muss er nun die Qualität der Würfe und deren Ausbaufähigkeit dem Geräusch ablauschen, mit dem der Ball auf den Schläger des Batters knallt oder in den Handschuh des Catchers donnert. Selbstredend hält Gus sein Handicap geheim. Alte Schule eben, in letzten Zügen.

Dann aber kommt, übel gelaunt, die neue Zeit auf den Plan, in Gestalt von Gus’ Tochter Mickey. Einst vom verwitweten Alten alleinerziehend durch die Baseballstadien geschleift, zwischendrin ins Internat abgeschoben, ist Mickey dank guter Therapie zu einer ehrgeizigen Anwältin herangereift. Obwohl Gus nicht eben dazu disponiert ist, sich helfen zu lassen, obsiegt in der Tochter ein, wie sie selbst sagt, unerklärliches Ding namens Verantwortung. Sie weicht fortan ihrem genervten Vater nicht mehr von der Seite.

Und siehe da: Tochters Auge, Papas Gehör und beider Instinkte retten die Sache: Die Atlanta Braves bekommen den besten Pitcher der Saison, die familiären Bande siegen über die Unfähigkeit, miteinander zu sprechen, und ins Baseballstadion zieht die Emanzipation ein. Am Ende wird erlöst gelacht wie einst in den Familienserien. Vor „Mad Men“, ach was, vor „Dallas“.

Die geistige Welt des einstigen Dirty Harry

Der Film ist so altmodisch, dass einem der Mund offensteht. Diesmal führt Eastwood nicht selbst Regie, sondern überlässt das Robert Lorenz. Der allerdings kommt von Eastwoods Malpaso Productions und ist seit zehn Jahren Produktionstätigkeit für den Chef auf die geistige Welt des einstigen Dirty Harry eingenordet, der jüngst wieder von sich reden machte als Wahlhelfer für den unterlegenen Mitt Romney. Und in dieser Welt einmal mehr zu bestaunen sind die durchaus positiven Seiten des amerikanischen Konservativismus. Insofern dieser besteht auf Anständigkeit, Rechtschaffenheit und Fairness kommt das republikanische Menschenbild mit der Welt, wie sie ist, ja nicht weniger häufig in anklagenden Konflikt als linke Sichtweisen.

In „Back in the Game“ heißen die gegnerischen Eigenschaften Aufgeblasenheit, Angeberei und krumme Trickserei. Chefs, die in ihren Büros Minigolf spielen; dicke Baseballer, die ihre Kameraden einschüchtern und Karrieristen mit PC statt Bauchgefühl – sie bebildern das Böse in der Welt von Gus Lobel. Das Gute sind die rechtschaffenen Menschen, die vorankommen wollen, ohne andere übers Ohr zu hauen.

Natürlich ist das Ideologie, aber nicht bloße. Wie auch in „Gran Torino“, dort allerdings meisterhafter, gibt Eastwood das Seelenleben eines sturen Traditionalisten, der sich in der modernen Welt nicht mehr heimisch fühlt. Weil Gus Lobel in dem Konflikt aber nicht einfach nur gewinnt, sondern auch einen Teil seines granteligen Charakterpanzers und falschen Stolzes los wird, erscheint ihm am Ende die Gegenwart dann doch weniger fremd. Insofern betreibt Eastwood auch hier nicht nur Angriff auf die Gegenwart, sondern auch Versöhnung mit ihr – eine Heimführung der Sturköppe.

Wer Amerika liebt, wird diesen Film mögen

Wer Amerika liebt, wird diesen Film schon wegen des folkloristischen Ambientes mögen, wegen des Homegrown Café und Jerry’s Tavern, wegen des Amicalola Lodge Motels und der Cheers Bar und überhaupt dieser merkwürdigen Sportart Baseball, in dem sich Stillstand und Action andauernd abwechseln und eine halbe Nation in sentimentaler Meditation zusammenfindet.

Eindrucksvoll, mit welcher Entschiedenheit Clint Eastwood das Kino als moralische Anstalt auffasst, bestürzend mitunter, mit welch abgestandenen Mitteln das hier durchgezogen wird. Die Dramaturgie stammt aus dem Puschenfernsehen, die übertriebene Mimik aus der Sitcom-Ästhetik, die Nebenrollen aus dem Figurenregal der 1960er-Jahre. Justin Timberlake ist solch ein Schwiegervatertraum, dass selbst ein Clint Eastwood seine Tochter hergeben muss, und diese zieht anständigerweise nicht mal das Hemd aus, wenn sie laut Drehbuch in den See springen muss. Ins Herz der braven Rednecks unter den Zuschauern spielt sie sich, indem sie beim Billard keine Kugel unversenkt lässt und beim Baseballgucken noch mehr gelernt hat als in der juristischen Fakultät.

Clint Eastwood aber, inzwischen 82, spielt noch immer alle an die Wand. Und was die Modernisierungskrise angeht: Seine Tochter wirft am Ende stolz ihr iPhone in den Müll. In der Wirklichkeit ist das vermaledeite Ding allerdings Exportschlager Nummer 1 der angeschlagenen Nation. Man wird den Eindruck nicht los, dass Amerikas Konservative noch etwas feilen müssen an einer zukunftsträchtigen Haltung.

Back in the Game USA 2012. Regie: Robert Lorenz; Darsteller: Clint Eastwood, Amy Adams, Justin Timberlake; 111 Min.; FSK ab 6

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen